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Meldungen aus dem Landesverband Hessen
Meldungen aus dem Landesverband Hessen

„Im Tode alle gleich“?

Führung über die Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach

Eine Gruppe von Personen hört bei der Führung zu.

Eberhardt Luft, Volksbund Hessen

Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa: Am 8. Mai 2026 jährte sich das historische Datum zum 81. Mal. Aus diesem Anlass lud der Volksbund in Hessen zu einer Führung über die Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach ein. 

Dr. Götz Hartmann, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des hessischen Landesverbandes, informierte über die Geschichte der 1957 eingeweihten Kriegsgräberstätte an der Bergstraße und stellte exemplarische Schicksale hier bestatteter Toter vor.

 

Kein klassischer Soldatenfriedhof

Auf der Kriegsgräberstätte in der Ebene westlich von Bensheim ruhen annähernd 2.000 Tote des Zweiten Weltkriegs. Die meisten von ihnen waren deutsche Soldaten, die kurz vor Kriegsende bei Kämpfen mit der US-Armee in Süddeutschland getötet wurden. „Bensheim-Auerbach ist jedoch kein klassischer Soldatenfriedhof, sondern eine Sammelgrabanlage für unterschiedliche Gruppen von Toten – und damit eine typische Kriegsgräberstätte aus der Zeit der frühen Bundesrepublik“, erklärte Götz Hartmann. 

In den Jahren um 1960 wurden viele dieser Friedhöfe angelegt. Zeitungsberichte betonten damals häufig, dass im Tod alle Menschen gleich seien. Der Titel der Führung am 8. Mai 2026 zitierte die Redensart jedoch mit einem Fragezeichen: 600 ausländische Tote sind ebenfalls in Bensheim-Auerbach begraben, vor allem Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, sowjetische Kriegsgefangene und „Displaced Persons“ (DPs). Auch die Gräber von 26 Kindern, deren Mütter Zwangsarbeiterinnen waren oder nach Kriegsende in DP-Lagern lebten, befinden sich hier.

Vom Ort der Trauer zum Lernort

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Führung lernten die Kriegsgräberstätte als einen Ort der Trauer kennen – Trauer um die hier bestatteten Toten, aber auch um die Vermissten und Gefallenen, deren Gräber im Osten Europas in den Jahren des Kalten Krieges für die Angehörigen unzugänglich waren. Eine Inschrift im heute verschlossenen ursprünglichen Eingangsraum der Kriegsgräberstätte erinnert daran: 

„Wo ihr auch ruhen möget, Brüder, in der östlichen Steppe, in Sumpf und Wald, uns unerreichbar – vergessen seid ihr nicht!“

Inschrift im Eingangsraum der Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach

Götz Hartmann wies aber auch auf den Wandel des Kriegstotengedenkens seit den 1960er Jahren hin: Mit wachsendem Abstand zur Zeit der Weltkriege und der NS-Herrschaft nimmt die Notwendigkeit zu, Kriegsgräberstätten wie in Bensheim-Auerbach zu erklären. Was für die „Erlebnisgeneration“ noch selbstverständlich war – warum diese Friedhöfe angelegt wurden und welche Toten dort begraben sind – muss nachfolgenden Generationen vermittelt werden. 

Kriegsgräberstätten können Lernorte der historisch-politischen Bildung sein, wenn sie dazu entwickelt werden. Der Volksbund in Hessen nimmt diese Aufgabe wahr, indem er seit 1999 die Geschichte ausgewählter hessischer Kriegsgräberstätten erforscht und die Ergebnisse öffentlich zugänglich macht

Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt

Die Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach wurde bereits früh im Forschungsprojekt bearbeitet. Erste wesentliche Ergebnisse der Recherche wurden 2004 auf einer Informationstafel festgehalten. 

Die Forschungsergebnisse von 2004 wurden 2025 überprüft und vertieft und auf einer neuen Informationstafel dokumentiert. In einer Feierstunde am 27. März 2026, dem 81. Jahrestag des Einmarschs der US-Armee in Bensheim, wurde die neue Informationstafel der Öffentlichkeit übergeben.

Einige der neuen Forschungsergebnisse wurden in der Führung vorgestellt. „Indem wir exemplarische Schicksale einzelner Toter einer Kriegsgräberstätte aus den Quellen erarbeiten, möchten wir zu historischen Themen wie ‚Krieg‘ und ‚Zwangsarbeit‘ die Möglichkeit eines persönlichen Zugangs schaffen“, erklärte Götz Hartmann das Informationskonzept des Volksbunds in Hessen. 

So stand am 8. Mai 2026 Josef Plach beispielhaft für die toten deutschen Soldaten. Der 17-Jährige aus dem Böhmerwald fiel im April 1945 bei Heilbronn, als er einen verwundeten Kameraden in Sicherheit bringen wollte. Josef Plachs Leiche wurde von US-Soldaten geborgen und zur Bestattung ins über 100 Kilometer entfernte Bensheim gebracht. Im Ackergelände westlich des Stadtteils Auerbach hatten die Amerikaner kurz zuvor zwei zentrale Begräbnisplätze für eigene und gegnerische Tote eingerichtet: der Ursprung der heutigen Kriegsgräberstätte.

Ljubow Pochylas Lebensgeschichte wiederum stand exemplarisch für das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion. Aus einem Dorf in der Ukraine nach Deutschland verschleppt, nahm sie sich im September 1942 bei Heppenheim das Leben. Wie Josef Plach war sie bei ihrem Tod erst 17 Jahre alt. Anders als der deutsche Soldat hat Ljubow Pochyla jedoch keine einzelne, namentlich gekenneichnete Grabstätte erhalten, sondern wurde in einem Massengrab für sowjetische Kriegsgefangene beigesetzt. 

Dr. Götz Hartmann Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt