Meldungen aus dem Landesverband Hessen

Feierstunde auf der Kriegsgräberstätte Ludwigstein

Schicksal eines »Unbekannten Kriegstoten« nach 76 Jahren ermittelt und öffentlich dokumentiert

Die neue Einzelschicksalstafel am Grab von Władysław Żukowski. Götz Hartmann, Landesverband Hessen

Fast acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs lässt sich die Identität bislang unbekannter Toter auf deutschen Kriegsgräberstätten mitunter noch klären. Voraussetzung ist eine genaue Prüfung aller zugänglichen Quellen. Im historischen Forschungsprojekt des Landesverbandes Hessen hat sich dies zuletzt wieder bestätigt: Bei Recherchen zur Kriegsgräberstätte Ludwigstein (Werra-Meißner-Kreis) ließen sich Name und Todesumstände eines dort bestatteten »Unbekannten« ermitteln, indem das Umbettungsprotokoll des Volksbunds von 1960 mit Dokumenten aus den Arolsen Archives (dem früheren Internationalen Suchdienst) abgeglichen wurde. In einer Feierstunde am 24. Juni 2022 wurde eine Tafel am Grab des Toten eingeweiht, die von nun an Auskunft über sein Schicksal geben wird.

 

Verantwortlich dafür, dass es nie wieder passiert

Mit dem Schicksal aller Kriegsopfer, die ihre letzte Ruhestätte unterhalb der Burg Ludwigstein in Witzenhausen gefunden haben, hatten sich Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse der Johannisberg-Schule befasst. Zusammen mit Maike Bartsch, Regionalbeauftragte für den Bereich Hessen Nord, und ihrer Klassenlehrerin Brigitta Friese hatten sie an einem Projekttag nicht nur über Zahlen und Fakten zum Zweiten Weltkrieg und über die Besonderheiten der Grabstätte in Witzenhausen gesprochen, sondern auch über Emotionen am Rande von Kriegsgräbern. Wofür sind Kriegsgräber heute wichtig? Was sagen sie uns?

Bei der Veranstaltung mit Landrätin Nicole Rathgeber, dem Witzenhäuser Bürgermeister Daniel Herz und anderen Prominenten, machten Cora Sophie Nak, Ulli Fischer und Jette Marie Reuß als „Abgesandte“ der Klasse, ihre Gedanken dazu öffentlich. „Wir sind nicht verantwortlich für das, was geschehen ist, aber verantwortlich dafür, dass es nie wieder passiert,“ sagte die 16jährige Jette Marie Reuß.

Die offiziellen Vertreter des Volksbundes, allen voran Karl Starzacher, Minister a. D. und Vorsitzender des Landesverbandes Hessen, wiederholten die Friedensbotschaft. Landräthin Nicole Ratgeber – gleichzeitig Vorsitzende im Kreisverband Werra-Meißner des Volksbundes – zog Parallelen zum aktuellen Krieg in der Ukraine und schlussfolgerte: „Jeder Krieg kennt nur Verlierer.“

Erstmals ein namentlich gekennzeichnetes Grab

Władysław Żukowski war der Name des Toten, zu dem Dr. Götz Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsprojekts im Landesverband Hessen des Volksbundes, neue biographische Erkenntnisse präsentieren konnte. Wer war dieser Mensch? Er war Friseur von Beruf und lebte mit seiner Familie in Warschau. Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurde er im August 1944 von den Deutschen verschleppt und musste von September 1944 bis März 1945 als Häftling des KZ-Außenlagers »Katzbach« Zwangsarbeit in den Frankfurter Adlerwerken leisten. Er überlebte die mörderischen Haft- und Arbeitsbedingungen in den Adlerwerken und war unter den rund 360 entkräfteten Häftlingen, die am 24. März 1945, als US-Truppen sich Frankfurt näherten, von der Wachmannschaft zu einem Todesmarsch in Richtung des KZ Buchenwald gezwungen wurden.

In den nächsten fünf Tagen wurden über 70 Männer aus der Marschkolonne von SS-Leuten ermordet. Unter den Opfern war Władysław Żukowski. Am 29. März 1945 tötete ihn ein Bewacher bei Fulda durch einen Schuss in den Kopf. Sein Leichnam wurde am Straßenrand zurückgelassen, später zunächst verscharrt, dann wieder ausgebettet und auf dem nächsten Dorffriedhof begraben. Papiere mit seinem Namen hatte Władysław Żukowski nicht bei sich getragen, aber bei der ersten Ausbettung wurde die Häftlingsnummer auf seiner Jacke registriert. Dadurch gelang dem Internationalen Suchdienst schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg seine Identifizierung.

Die Mitarbeiter des Volksbunds hatten davon jedoch keine Kenntnis, als sie den Toten 1960 auf die damals im Bau befindliche Sammelgräberstätte unterhalb der Burg Ludwigstein umbetteten. Zudem irrten sie sich beim Ablesen der Häftlingsnummer in einer Ziffer. Ein erster Identifizierungsversuch im Forschungsprojekt schlug deshalb 2008 fehl. »Mit der Dokumentation unseres aktuellen Kenntnisstandes auf der neuen Einzelschicksalstafel ist Władysław Żukowski zum ersten Mal seit seinem gewaltsamen Tod in einem Grab bestattet, an dem sein Name genannt wird«, sagte Dr. Götz Hartmann, der als Historiker das Forschungsprojekt betreut, in seiner Ansprache bei der Feierstunde.

Forschungsprojekt, Informationskonzept, Bildungsarbeit

Der Landesverband hat 1999 damit begonnen, ausgewählte Kriegsgräberstätten in Hessen systematisch zu erforschen und die Arbeitsergebnisse auf Informationstafeln zu dokumentieren. Die Informationstafeln werden, sofern denkmalrechtliche Belange dem nicht entgegenstehen, im Eingangsbereich der Friedhöfe und an einzelnen Gräbern aufgestelltDie Tafeln im Eingangsbereich geben Auskunft über Geschichte und Besonderheiten der jeweiligen Kriegsgräberstätte. In einem Lageplan sind die Gräber markiert, an denen sich weitere Informationsschilder befinden. In Witzenhausen konnte die große Informationstafel, erstmals im Jahr 2008 platziert, nun erneuert werden. 

Die Tafeln an den Gräbern erzählen die Schicksale der Menschen, die in ihnen bestattet sind. Ziel ist es, möglichst für jede der Gruppen von Toten, die auf einer Kriegsgräberstätte begraben sind, wenigstens ein exemplarisches Schicksal zu rekonstruieren. Die historische Forschung des Landesverbandes stellt damit eine wichtige Voraussetzung seiner friedenspädagogischen Bildungsangebote dar. In ihnen werden am Beispiel der Einzelschicksale auch zu komplexen historischen Themen persönliche Zugänge geschaffen.

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