Normalerweise setzen sie sich mit der Mechanik von Flugzeugen und Hubschraubern auseinander, doch am vergangenen Donnerstag verlassen 20 ziviltechnische Auszubildende der Bundeswehrfachschule Kassel Klassenzimmer und Werkstatt. Ziel ist das ehemalige Kloster in Bad Emstal-Merxhausen, wo heute die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie untergebracht ist. Heute steht Geschichte auf dem Unterrichtsplan.
Der Parkplatz hinter dem Klostermuseum, wo die Soldatinnen und Soldaten von ihrem Busfahrer abgesetzt werden, ist Ausgangspunkt des ECO Pfades Friedenspädagogik. Dort nimmt sie der Regionalbeauftragte des Landesverbandes Hessen im Volksbund, Daniel Schrimpf in Empfang. Für die nächsten drei Stunden führt der ECO Pfad die Gruppe zur im Wald gelegenen Kriegsgräberstätte Bad Emstal, zum Schauplatz des Ostersamstagsgefechts 1945 und zum Friedhof der International Refugee Organization (IRO).
“Sie waren so jung”
Schauplatz des Verbrechens
Am Beginn des ECO Pfades steht das ehemalige Kloster selbst. Schon im frühen 20. Jahrhundert befand sich hier eine psychiatrische Einrichtung, die sogenannte Landesheilanstalt Merxhausen. Dort wurden vor allem Frauen mit schwerer psychischer Erkrankung gepflegt.
Für die Nationalsozialisten galten Menschen mit psychischer Beeinträchtigung sowie erbkranke Menschen als „Ballastexistenzen“, welche die Gesundheit des „Volkskörpers“ gefährdeten und die Staatskasse unnötig belasteten.
1939 begann die „Aktion T4“ - benannt nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Von dieser Adresse aus wurde der systematische Massenmord an Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung organisiert. In der Landesheilanstalt fiel es den Ärzten zu, diejenigen Patientinnen zu selektieren, die als „unheilbar krank“ in die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg gebracht und dort – meist durch Vergasung – ermordet werden sollten.
Nach starken öffentlichen Protesten wurde die Aktion 1941 offiziell beendet. Fast 500 Merxhausener Patientinnen waren bis dahin ermordet worden. Doch das Sterben in Merxhausen ging bis Kriegsende weiter. Im Rahmen der „Stillen Euthanasie“ wurde nun indirekt getötet: durch unterlassene medizinische Versorgung und mangelhafte Ernährung. 1944/45 erreichte die Sterblichkeitsrate in Merxhausen 30%.
Eindrücke von der Kriegsgräberstätte
Vom ehemaligen Kloster aus läuft man in etwa 15 Minuten im Schatten der Bäume, bis man die Kriegsgräberstätte Bad Emstal erreicht. 242 Menschen liegen hier begraben, vor allem Wehrmachtssoldaten, aber auch SS-Angehörige, Volkssturmmänner, Polizisten, Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene. Auch einige besondere Einzelschicksale trifft man hier an: den Schweden Sigurd Molin, der sich 1943 freiwillig zur SS meldete, oder den Inder Bhagwan Singh, der sich mit der „Legion Freies Indien“ auf die Seite Deutschlands stellte, in der Hoffnung, Indien von der Fremdherrschaft des Britischen Empires zu befreien.
Die Bundeswehrangehörigen erkunden die Kriegsgräberstätte zunächst selbst und sammeln Eindrücke. Auf die anschließende Frage, was Ihnen denn besonders aufgefallen sei, meldet sich ein Soldat: „Viele von ihnen waren noch so jung“ und ein anderer: „Ganz viele von ihnen sind noch so kurz vor Kriegsende gefallen.“
Tatsächlich handelt es sich bei den toten Wehrmachtssoldaten auf der Kriegsgräberstätte, neben Verstorbenen aus dem Reservelazarett im Kloster Merxhausen, vor allem um Opfer der Kämpfe in Hessen im März 1945. Obwohl die militärische Lage zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen aussichtslos war, beharrte das NS-Regime bis zuletzt darauf, das Vordringen der Alliierten um jeden Preis zu verhindern. So kam es noch in den letzten Kriegstagen zu zahllosen größeren und kleineren Rückzugsgefechten mit Tausenden Toten. Dafür griff die Führung auf immer jüngere Menschen zurück und solche, die wegen ihres hohen Alters oder gesundheitlicher Probleme bis dahin übergangen worden waren.
Ein unbedeutendes Gefecht
Die Führung endet an einer Kreuzung knapp oberhalb der Landesheilanstalt. Am Samstag den 31. März 1945, dem Tag vor Ostern, kam es hier zu einem Gefecht, das so unbedeutend war, dass es nicht einmal im Tagesbericht der amerikanischen Division auftaucht, die daran teilnahm. Nach der Einnahme vom vier Kilometer entfernten Elbenberg, wo die Amerikaner ein Zwangsarbeiterlager befreiten, wandten sie sich in Richtung Merxhausen.
An der Kreuzung stand ein Gasthaus, in dem zu diesem Zeitpunkt vor allem Angehörige von Lazarett-Patienten untergebracht waren. Ebenfalls anwesend waren aber auch fanatisierte Hitlerjungen und Volkssturmmänner, die unter dem Tresen Panzerfäuste und Granaten versteckt hatten.
Als der amerikanische Konvoi nachts am Gasthaus vorbeifuhr, eröffneten die Hitlerjungen das Feuer auf sie und die Amerikaner schossen mit ihren Panzern zurück. Bei dem Gefecht wurden drei Menschen getötet, darunter der Onkel der Wirtstochter Margrit Melms, die viele Jahre später als Zeitzeugin über dieses Ereignis berichtete. Das Gefecht und damit auch der Zweite Weltkrieg endete für Bad Emstal als der Chefarzt der Landesheilanstalt den Amerikanern mit einer weißen Flagge entgegenkam.
Für die Soldatinnen und Soldaten endet die Führung in nachdenklicher Stille. Die letzten drei Stunden haben ihnen anschaulich vor Augen geführt, wie tief auch dieser beschauliche Ort von den Schrecken der NS-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg gezeichnet sind und wie wichtig gerade deshalb die Verteidigung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und die Wahrung der Rechte aller Menschen in unserer Gesellschaft sind.
In den kommenden Monaten werden noch mehrere Gruppen der Bundeswehrfachschule Kassel den ECO Pfad Friedenspädagogik gemeinsam mit dem Volksbund besuchen.