“Was bleibt von einem Menschen, wenn niemand mehr seinen Namen kennt?”
„Was bleibt von einem Menschen, wenn niemand mehr seinen Namen kennt?“ – diese Frage richtete Markus Geßner, Erster Beigeordneter des Gemeindevorstandes Groß-Zimmern, stellvertretend für Bürgermeister Mark Pullmann an die Gäste, die sich in der vergangenen Woche auf der Kriegsgräberstätte in Klein-Zimmern versammelt hatten. Für die Kriegsgräberstätte ist diese Frage nun zu beantworten: Elf Holzstelen, bestückt mit Tontafeln mit den Namen und Lebensdaten von 380 sowjetischen Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkrieges im benachbarten Lazarett verstarben.
Mit einer öffentlichen Veranstaltung beschloss der Landesverband Hessen nun das langjährige Projekt „Wir schreiben Eure Namen“ und hatte dazu eingeladen. Gemeinsam mit Vertretern der Gemeinde Groß-Zimmern, des St. Josephshauses Klein-Zimmern, der Evangelischen Kirchengemeinde und den ebenfalls am Projekt beteiligten Schulen des Landkreises fand die Feierstunde bei sonnigem Wetter vor der letzten Holzstele und auf dem Gräberfeld statt.
Markus Geßner würdigte die Initiative des Landesverbandes Hessen und betonte die Bedeutung des Projektes für die Erinnerung vor Ort, nicht nur am Volkstrauertag oder für Schulen, die die Kriegsgräberstätte weiter als Lernort nutzen: „Die Erinnerungsarbeit wird weitergehen. Sie wird weitergehen, wenn jemand zufällig an dieser Stätte vorbeikommt, die Informationstafel liest und für einen Moment stehen bleibt. Und vielleicht wird jemand dann einen Namen lesen. Nur einen einzigen. Vielleicht wird dieser Name zunächst fremd sein. Aber vielleicht entsteht daraus eine Frage: Wer war dieser Mensch? Woher kam er? Wie alt war er? Was wissen wir über sein Leben? Mehr muss Erinnerung manchmal gar nicht leisten.“
Beitrag der Albert-Schweitzer-Schule
Trotz des zeitgleich stattfindenden Schulfestes ließen es sich einzelne Schülerinnen und Schüler sowie Lehrer und Schulleitung der Albert-Schweitzer-Schule nicht nehmen, gleich zwei Inhalte zum Programm des Projektabschlusses beizutragen. Der Poetry Slam Vortrag zweier Schülerinnen sorgte bei den Gästen für anhaltenden Beifall. Nicht minder positiv aufgenommen wurde die Rede des Schülers, der die neue digitale Spurensuche der Schule zum entwickelten Lernort vorstellte und der Geschäftsführerin des Landesverbandes im Anschluss den QR-Code übergab. Zwei weitere Schüler übernahmen die Verantwortung, den Partnerziegel für ihre Schule an der dafür bestimmten Stele anzuschrauben.
Rückblick auf das Tonziegelprojekt
Für den Landesverband Hessen blickte der stellvertretende Vorsitzende Eberhard Luft auf das Projekt zurück und dankte der Gemeinde, den Partnern und den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen, die das Projekt einst initiierten und in den zurückliegenden zehn Jahren gemeinsam mit den Partnern gestalteten. “Wir beschließen heute ein Projekt", so Herr Luft, “das insbesondere das hauptamtliche Personal des Landesverbandes über einen sehr langen Zeitraum emotional, zeitlich und inhaltlich intensiv beschäftigt und gebunden hat. Dass die Emotion, das eigene Mitgefühl mit den sowjetischen Opfern des nationalsozialistischen Angriffskrieges und Zwangsarbeit der wesentliche und eigentlich bedeutsame Grund für die damalige Initiative war, muss ich sicher nicht betonen. Wenn Menschen sich so lange engagieren und notwendige Überzeugungsarbeit leisten, müssen deren Herzen und Verantwortungsbewusstsein bei den Toten und deren Angehörigen sein”. Dass das auch für die Projektpartner gilt, ohne die das Projekt nicht erfolgreich gewesen wäre, sollte das Geschenk des Volksbundes sichtbar machen: Gemeinsam übergaben Geschäftsführerin und Bildungsreferentin des Landesverbandes einzelne Ziegel an die Partner und stellten die Anteile und Intensität der jeweiligen Beteiligung vor.
Kranzniederlegung und Gedenken auf dem Gräberfeld
Gemeinsam gedachten Gäste und Akteure der in Klein-Zimmern bestatteten sowjetischen Kriegstoten, von denen nun 379 Identitäten bekannt sind. Zum Abschluss versammelten sie sich auf dem Gräberfeld zur Kranzniederlegung und zum Gebet von Pfarrer Fornoff. Dieser sprach im Namen beider Kirchengemeinden, die mit ihren Konfirmandinnen und Konfirmanden zu den Projektpartnern zählen und sich darüber hinaus regelmäßig bei der Gestaltung des Gedenkens von Gemeinde und Landkreis zum Volkstrauertag engagieren.
Wir schreiben Eure Namen
Das Projekt „Wir schreiben Eure Namen“ auf der Kriegsgräberstätte in Klein-Zimmern begann 2017 mit der symbolischen Übergabe eines ersten Namensziegels für einen der sowjetischen Kriegstoten, die hier bestattet sind. Mehr als 400 Kriegstote, die zwischen 1941 und 1945 in einem benachbarten Lazarett verstarben, ruhen an diesem Ort – 380 von ihnen sind namentlich bekannt. Auf dem Friedhof, der außerhalb des Ortes zwischen Äckern und Wiesen gelegen ist, fanden sich lange keine Informationen zu seiner Geschichte. Eine zweisprachige Informationstafel, die im Jahr 2021 durch den Landesverband erstellt und im Rahmen einer Gedenkfeier der Gemeinde Groß-Zimmern übergeben wurde, hat dies behoben.
Mit dem Projekt konnte die nachträgliche Namenskennzeichnung der sowjetischen Kriegstoten möglich gemacht werden. Anhand einer von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten erstellten Liste wurden im Rahmen von Bildungsprojekten 380 Tontafeln mit den Namen und Lebensdaten der in Klein-Zimmern bestatteten Toten hergestellt. Während dieser Projekttage, an denen zahlreiche Schule der Region, aber auch Konfirmanden und Konfirmandinnen teilnahmen, besuchten die Teilnehmenden die Kriegsgräberstätte und lernten über das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen. Abschließend fertigte jeder von ihnen eine Tontafel für einen der Kriegstoten an.
Der Landesverband Hessen bedankt sich bei der Gemeinde Groß-Zimmern, die die Holzstelen angefertigt und aufgestellt hat und damit den wesentlichen Teil der baulichen Umsetzung getragen hat, ebenso beim St. Josephshaus Klein-Zimmern, das die in den Projekttagen hergestellten Ziegel unentgeltlich gebrannt hat, und bei allen am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schülern sowie Konfirmandinnen und Konfirmanden für die Unterstützung und die Zusammenarbeit!

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