Das Gräberfeld für die ausländischen Kriegstoten auf dem Kasseler Hauptfriedhof ist schon an sich recht unauffällig. Auf drei Seiten ist es von Hecken umgeben und anstatt der für Kriegsgräberstätten üblichen, sauber aufgereihten Gräber, finden sich hier quer verteilte, eher niedrige Steine in ungewöhnlichen Formen. Am 27.01.2026 waren sie dazu noch von einer dichten Schneeschicht bedeckt.
Für die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Freien Waldorfschule Kassel, die für einen Workshop zum Thema “Zwangsarbeit in Kassel während des Zweiten Weltkriegs” gekommen waren, wurde es dadurch eine Spurensuche im doppelten Sinne. Denn bevor sie sich mit dieser Stätte und den dort begrabenen Menschen auseinandersetzen konnten, mussten die Namen auf den Grabsteinen und die Informationstafeln des Volksbund zu diversen Einzelschicksalen erst einmal freigelegt werden.
Kassel war während des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Rüstungsstandort. Hier wurden Kampfflugzeuge, Panzer, Munition und die berüchtigten “Vergeltungswaffen” produziert. Da ein großer Teil der männlichen Bevölkerung zum Dienst in der Wehrmacht eingezogen worden war, griff man ab 1940 in zunehmendem Maße auf Zwangsarbeit zurück. Dazu wurden zuerst Kriegsgefangene genutzt, später auch Männer und Frauen aus den besetzten Gebieten Europas, die durch falsche Versprechungen angelockt oder schlicht aus ihren Heimatorten entführt wurden.
In Kassel wurden sie unter menschenunwürdigen Bedingungen in Arbeitslagern gehalten. Menschen aus Polen und der Sowjetunion wurden wegen ihrer vermeintlichen “rassischen Minderwertigkeit” besonders grausam behandelt. Wer trotz unzureichender Ernährung und medizinischer Vernachlässigung sein Arbeitspensum nicht erreichen konnte, dem drohte die Einweisung in das “Arbeitserziehungslager” Breitenau oder ins KZ.
Viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter starben infolge von Arbeitsunfällen, Infektionskrankheiten und Entkräftung, oder bei alliierten Luftangriffen, welche insbesondere den Fabriken galten, in denen Zwangsarbeitende eingesetzt wurden.
Zu Kriegsende befanden sich noch rund 20.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Kassel, was in etwa 10% der damaligen Stadtbevölkerung entsprach. Sie waren ein allgegenwärtiger Bestandteil des Kasseler Stadtbildes zu dieser Zeit. Ihre Lager waren quer über die Stadt verteilt, sie arbeiteten auf dem Feld, in Privathaushalten und bei der Reichsbahn. Sie räumten den Schutt und bargen die Leichen nach den Luftangriffen auf die Stadt.
Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung dieser Opfergruppe entsteht in den letzten Jahren vermehrt ein Interesse an der Thematik. Durch die Spurensuche auf dem Hauptfriedhof und die anschließenden vertiefenden Gruppenarbeiten lernten die Schülerinnen und Schüler der Freien Waldorfschule an diesem Tag dieses dunkle Kapitel ihrer Heimatstadt kennen und trafen auf Schicksale der Menschen, die hinter den Namen auf den Grabsteinen stehen.
