Kinder von Zwangsarbeiterinnen
Nur durch millionenfachen (Zwangs-)Einsatz ausländischer Arbeitskräfte konnte das nationalsozialistische Deutsche Reich seine Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg funktionsfähig halten. Allein aus Polen und der Sowjetunion wurden 4,5 Millionen „Fremdarbeiter“ nach Deutschland verschleppt. Über die Hälfte von ihnen waren Frauen. Ihr Durchschnittsalter lag bei 20 Jahren.
Bis 1942 wurden Zwangsarbeiterinnen, die in Deutschland schwanger wurden, in ihre Heimatländer abgeschoben. Ab 1943 galten neue Vorschriften: Nun sollten die Frauen ihre Kinder zur Welt bringen und danach an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. War der Vater Deutscher, sollte das Kind in einem besonderen Heim als deutsches Kind erzogen werden. Für Kinder, deren Väter keine Deutschen waren, sahen die Vorschriften vor, sie in „Ausländerkinder-Pflegestätten“ an Unterernährung und mangelnder Pflege sterben zu lassen. Die Bestimmungen galten offiziell für alle Ausländerinnen, wurden jedoch fast nur auf Frauen aus Polen und der Sowjetunion angewandt.
Vor allem in Städten und Industriegebieten wurden „Ausländerkinder-Pflegestätten“ eingerichtet. Auf dem Land dagegen konnten polnische und sowjetische Zwangsarbeiterinnen ihre Neugeborenen oft bei sich behalten. Schlechte Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen und eine mangelhafte medizinische Versorgung führten aber auch dort zu einer hohen Sterblichkeit unter ihren Kindern.
Geboren und gestorben in Heppenheim
Oskar Piasecki wurde am 22. November 1944 in Heppenheim geboren. Seine Mutter Daniela Piasecka stammte aus Wieluń in Polen. Seit dem Frühjahr 1941 leistete sie Zwangsarbeit in Landwirtschaftsbetrieben im Odenwald und an der Bergstraße. Zunächst fast drei Jahre bei einer Familie im Odenwalddorf Erbach – heute ein Stadtteil von Heppenheim – beschäftigt, wurde sie im April 1944, 19 Jahre alt und nicht verheiratet, zu einer Geflügelfarm in Bensheim-Auerbach „umvermittelt“. Der Wechsel des Arbeitgebers fiel zeitlich mit dem Beginn ihrer Schwangerschaft zusammen und wurde vermutlich auch mit dieser begründet. Wer der Vater von Oskar Piasecki war, ist nicht bekannt.
Während ihrer Schwangerschaft wechselte Daniela Piasecka die Arbeitsstelle noch ein weiteres Mal; ab Juni 1944 war sie erneut als Landarbeiterin in Erbach eingesetzt, dieses Mal bei einer anderen Familie. Ab Dezember 1944 war sie in Heppenheim, wo sie kurz zuvor ihren Sohn geboren hatte, in einem städtischen Haushalt als „Hausgehilfin“ beschäftigt; wahrscheinlich bezieht sich die Angabe „praca w kuchni“ („Arbeit in der Küche“) unter der Rubrik „Other Trades or Occupations“ bei ihrer Erfassung als „Displaced Person“ (DP) nach Kriegsende vor allem auf diese letzte Arbeitsstelle.
Daniela Piaseckas Arbeitgeberin in Heppenheim hatte kurz zuvor die 17-jährige Zwangsarbeiterin aus dem russischen Orel, die bei ihr als Hausangestellte tätig war, zum Arbeitseinsatz in einem Rüstungsbetrieb „abgeben“ müssen. Die anschließende Einstellung Daniela Piaseckas führte die Arbeitgeberin 1947 in ihrem Entnazifizierungsverfahren als entlastenden Umstand an:
„Nach Einweisung der Russin in die Rüstungsindustrie hatten wir eine Polin mit ihrem 14 Tage alten Säugling als Haushilfe aufgenommen, die wegen ihres Kindes nirgends Unterkunft und Arbeit gefunden hatte.“
Die ehemalige Heppenheimer Arbeitgeberin von Daniela Piasecka 1947 im Entnazifizierungsverfahren
Am Arbeits- und Wohnort seiner Mutter in der heutigen Heppenheimer Karl-Marx-Straße verstarb Oskar Piasecki im Alter von fünfeinhalb Wochen am Morgen des 1. Januar 1945 an Unterkühlung.
Daniela Piaseckas Zeit als Zwangsarbeiterin endete drei Monate später mit ihrer Befreiung durch den Einmarsch der US-Armee in Heppenheim am 27. März 1945. Sie verließ die Stadt kurz darauf und lebte in den nächsten Jahren in verschiedenen DP-Lagern in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands. Wie viele polnische DPs zog sie dies einer Rückkehr in ihre nun dem sowjetischen Machtbereich zugefallene Heimat vor. Die letzten Einträge in ihrer DP-Karteikarte stammen aus den Jahren 1948 und 1949; danach verliert sich ihre Spur.
Oskar Piasecki, der in Heppenheim in einem Einzelgrab bestattet war, wurde 1956 beim Ausbau der Kriegsgräberstätte nach Bensheim umgebettet. Bei der Erfassung seines ursprünglichen Grabes in einer Liste war 1948 der Fehler aufgetreten, dass sein Todesdatum mit dem 8. statt mit dem 1. Januar 1945 notiert wurde. Der Fehler wirkt bis heute weiter, weil für die Beschriftung des neuen Grabsteins in Bensheim irrtümlich auf die falsche Angabe zurückgegriffen wurde.
Opfer der „Darmstädter Brandnacht“
Unter den Kindern osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen, die aus ihren ursprünglichen Gräbern in Heppenheim nach Bensheim umgebettet wurden, sind auch sieben Opfer des Luftangriffs auf Darmstadt am 11./12. September 1944 („Darmstädter Brandnacht“). Der Angriff der britischen Royal Air Force löste einen Feuersturm aus, zerstörte die Darmstädter Innenstadt nahezu vollständig und tötete über 11.000 Menschen. Die sieben Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren erlitten beim Angriff schwere Verbrennungen, an deren Folgen sie noch im September 1944 in der „Krankenbaracke für ausländische Arbeiter“, die dem Städtischen Krankenhaus in Heppenheim angegliedert war, verstarben. Sie sind auf der Kriegsgräberstätte in den Gräbern 1391, 1428, 1430, 1432, 1440, 1463 und 1489 bestattet.
Im Grab neben dem sieben Jahre alten Czesik (Czesław) Horoszkiewicz (auf dem Grabstein „Tschesik Horoschkewiz“, Grab 1428) wurde seine Mutter „Enelja“ (Emilja) Horoszkiewicz beigesetzt, die ebenfalls in Heppenheim an den Folgen der beim Luftangriff erlittenen Verbrennungen verstarb. Die Mutter der siebenjährigen Anna Cużytek (oder Curzytek, auf dem Grabstein „Tschuschitek“, Grab 1432), Magdalena Cużytek, ist in Grab 1386 bestattet; auch sie erlag in der Heppenheimer Krankenbaracke den Verletzungen, die sie in der „Brandnacht“ erlitten hatte.