Kriegsende in Südhessen
In der Nacht vom 22. auf den 23. März 1945 gelang es amerikanischen Truppen, südlich von Mainz bei Nierstein den Rhein zu überqueren und auf dem rechten Ufer einen Brückenkopf zu bilden. An Zahl, Ausrüstung und Motivation den Amerikanern deutlich unterlegen, leisteten Wehrmachtseinheiten nur schwachen Widerstand. Der 18-jährige Panzerjäger und Reserveoffiziersbewerber Dieter Sonne wurde dabei getötet.
Der Rheinübergang der 3. US-Armee unter General George S. Patton kam für die deutsche Seite überraschend und leitete die Endphase der nationalsozialistischen Diktatur in Südhessen ein. Am 25. März besetzten die Amerikaner Darmstadt und erreichten einen Tag später die südlichen Stadtteile von Frankfurt am Main, das sie bis zum 29. März vollständig unter ihre Kontrolle brachten. Am 28. März waren Wiesbaden und Hanau eingenommen worden, während Angriffsspitzen sich bereits Aschaffenburg näherten. Weiter südlich erreichten Verbände der 7. US-Armee die Bergstraße und traten den Vormarsch durch den Odenwald an, nachdem ihnen am 26. März bei Worms ebenfalls die Überquerung des Rheins gelungen war.
Kindheit in Darmstadt, Jugend in Wiesbaden
Dieter Sonne wurde am 17. Juni 1926 als zweiter von vier Söhnen des Ehepaars Erich und Gertrud Sonne in Darmstadt geboren. Als Erich Sonne, ein Berufsoffizier der Reichswehr und später der Wehrmacht, nach Wiesbaden versetzt wurde, zog die Familie dorthin um; im Zuge der Wiederaufrüstung Deutschlands durch die Nationalsozialisten war die Stadt 1936 wieder Garnisonsstandort geworden und beherbergte zudem das Generalkommando des neu aufgestellten XII. Armeekorps. Erich Sonne, zu dieser Zeit im Rang eines Majors, erscheint 1938 zum ersten Mal als Haushaltsvorstand im Wiesbadener Adressbuch.
In Wiesbaden besuchte Dieter Sonne das „Staatliche Gymnasium mit Oberschule für Jungen“ im Gebäude der heutigen Gutenbergschule. Ab Februar 1943 war er zusammen mit allen Schülern seines Jahrgangs als Luftwaffenhelfer in einer Wiesbadener Flak-Stellung eingesetzt (Flak = Flugabwehrkanone). In den Lebenserinnerungen eines Mitschülers, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, findet sich eine Schilderung des Abmarschs in die Stellung:
„An der Lutherkirche, der Schule gegenüber, werden sie verladen, mit ihrem Gepäck auf Lastwagen. Die Mütter haben ihre Buben hingebracht, eine ganze Untersekunda, Sechzehnjährige, einige sind erst 15; der Krieg braucht sein Futter sehr früh, damals im Februar 1943. Manche finden, was nun kommt, ganz lustig, haben sich sogar darauf gefreut: Man wird unter sich sein, junge Männergesellschaft, frei von Elternzwängen. Auch eine schöne Luftwaffenhelfer-Uniform wird man bekommen, wenn auch noch mit HJ-Armbinde. Da winkt vielleicht schon Kontakt mit Mädchen, den man sonst nicht hat, in einer reinen Jungenschule.“
Wilhelm Milch, Der Fackelzug. Eine Kindheit in Wiesbaden, Norderstedt 2018, S. 52 f.
Die Jugendlichen lebten in einer Baracke in der Flak-Stellung und lernten, die Geschütze gegen alliierte Flugzeuge einzusetzen; gleichzeitig blieben sie Schüler:
„Ringsum Felder; die Unterkünfte waren auf der einen Seite des Hauptwegs aufgereiht, auf der anderen standen in ihren großen Erdlöchern die Geschütze, 8,8 Flak. Eine Art Mehrzweckwaffe, gerühmt wegen ihrer Wirksamkeit; man hätte damit auch feindliche Panzer abschießen können, oder die Schule in Brand setzen. Die lag nämlich in Sichtweite unten in der Stadt, und manche hatten ihren Spaß an der Vorstellung, sie könnten das mit der Kanone tun.“
Wilhelm Milch, Der Fackelzug. Eine Kindheit in Wiesbaden, Norderstedt 2018, S. 53 f.
Einen notdürften Schulunterricht erhielten die Luftwaffenhelfer weiterhin durch ihre Lehrer, die hierzu die Stellung aufsuchen mussten. Das hierarchische Verhältnis von Lehrern und Schülern konnte sich in der militärischen Umgebung gelegentlich umkehren, was Dieter Sonnes Mitschüler ebenfalls in Erinnerung behielt:
„Und was empfing diese älteren Herren oben ‚auf der Batterie‘? Ein kleines Nebengelass in der Baracke, mit Holztischen, Stühlen, einem Lehrertisch und fünfundzwanzig uniformierte Schüler, die wenig Lust hatten auf Kurvendiskussion und gesinnungsfördernde Gedichte. Was für eine Freude, wenn mitten im Unterricht Alarm kam und wir an die Geschütze mussten. Einmal sah ich unseren Englischlehrer, unbeliebt und ‚Giftzwerg‘ genannt, beim Schießen dem Ladekanonier die Granaten zutragen!“
Wilhelm Milch, Der Fackelzug. Eine Kindheit in Wiesbaden, Norderstedt 2018, S. 59
Noch vor dem Ende der 11. Klasse wurde Dieter Sonne im Februar 1944 zum Reichsarbeitsdienst und sechs Monate später zur Wehrmacht eingezogen. Sein älterer Bruder Helmut war bereits im April 1943 in Tunesien gefallen. Der Vater war seit Juli 1944 bei Borissow im Mittelabschnitt der Ostfront vermisst; 1950 wurde er für tot erklärt.
Ausbildung, Kampfeinsatz und Tod
Ab August 1944 erhielt Dieter Sonne seine militärische Grundausbildung bei der Panzerjäger-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 33 im pfälzischen Landau. Danach wurde er zu einem Lehrgang für Reserveoffiziersbewerber nach Wiesbaden befohlen. Teilnehmer dieses Lehrgangs befanden sich am 23. März 1945 unter den deutschen Truppen in der Nähe von Trebur, offenbar mit dem Auftrag, die in der Nacht zuvor auf das rechte Rheinufer gelangten Amerikaner zu bekämpfen. Aus dem Raum Trebur erhielt Dieter Sonnes Mutter am selben Tag seine letzte Nachricht.
Am Mittag des 23. März arbeiteten Pioniere der US-Armee daran, im Rhein eine Pontonbrücke zu bauen, während Einheiten, die den Fluss bereits in Sturmbooten überquert hatten, den Brückenkopf am rechten Ufer zu erweitern begannen. Eine militärgeschichtliche Studie der US-Armee schildert die Lage in diesen Stunden:
„Resistance was scattered and light, and enemy artillery was ineffectual. In the 11th Infantry, the 3rd Battalion moved to the north and the 1st Battalion moved to the northeast. By 1400 hours, Trebur was occupied by the 3rd Battalion, 11th Infantry; Wallerstadten by the 1st Battalion; and Geinsheim by the 2nd Battalion. The 10th Infantry Regiment seized objectives to the southeast. The 1st Battalion seized Erfelden, while the 2nd Battalion was on a line from Leeheim to Wolfskehlen. The 3rd Battalion began clearing a loop of the Rhine in the immediate vicinity of the bridgehead.“
Rhine River Crossing (Combat Studies Institute, Fort Leavenworth, Battlebook 19-A), 1984, S. 36 f.
Beim Durchkämmen des Auwaldgeländes nördlich der Übergangsstelle trafen die Amerikaner am frühen Nachmittag des 23. März in der Nähe des Hofguts Hohenau – wenige Kilometer westlich von Trebur am Rhein gelegen – auf deutsche Soldaten. Es kam zu einem Gefecht, an dem auch die Teilnehmer des Lehrgangs aus Wiesbaden beteiligt waren. Mehrere Deutsche wurden getötet; andere ergaben sich und wurden von den Amerikanern gefangen genommen. Unter den Toten war Dieter Sonne.
Suche nach dem Grab des Sohnes
Der Pächter von Hohenau barg im März und April 1945 die im Auwaldgelände verstreuten deutschen Toten und bestattete sie auf dem Friedhof des Gutes. Sofern er Hinweise auf ihre Identität gefunden hatte, hielt er diese in Notizen zu den einzelnen Gräbern fest. Zu Dieter Sonne, den er als „Unbekannten“ begrub, notierte er die Beschriftung der Erkennungsmarke, jedoch nur teilweise richtig, was deren Entschlüsselung sehr erschwerte.
Dieter Sonnes Mutter bemühte sich über Jahre hinweg vergeblich, das Schicksal ihres Sohnes zu ermitteln und in Erfahrung zu bringen, wo sich, falls er ums Leben gekommen war, sein Grab befand. Das Fehlen von Nachrichten konnte in der ersten Zeit noch trügerische Hoffnungen wecken:
„Nachdem so garnichts zu finden ist, fange ich doch erneut an zu hoffen, daß Ihr Sohn noch lebt und sich in Gefangenschaft befindet.“
Schreiben von A. H., Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, an Gertrud Sonne, 26.06.1946. Quelle: privat
Als die Toten vom Gutsfriedhof Hohenau im August 1956 auf die im Ausbau befindliche Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach umgebettet wurden, war Dieter Sonne noch immer nicht identifiziert. In seinem neuen Grab wurde er daher zunächst ebenfalls wieder als „Unbekannter“ bestattet. Die Umbettung hatte allerdings Gelegenheit geboten, unveränderliche körperliche Merkmale des Toten systematisch zu erfassen und mit bereits vorhandenen Angaben abzugleichen. Eine leichte Fehlstellung seiner Schneidezähne, die sein Wiesbadener Zahnarzt 1950 aus dem Gedächtnis skizziert hatte, führte schließlich zusammen mit den vom Gutspächter zutreffend notierten Ziffern der Erkennnungsmarkennummer zur Identifizierung.
Im April 1958 erhielt Gertrud Sonne von der „Deutschen Dienstelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht“ ein Schreiben, das sie über das Todesdatum, die ursprüngliche Grablage und den aktuellen Bestattungsort ihres Sohnes informierte. Im selben Jahr wurde der Grabstein des nunmehr nicht länger unbekannten Toten durch die Stadt Bensheim gegen einen neuen ausgetauscht, der seither Dieter Sonnes Namen und seine Lebensdaten verzeichnet.