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Projekte aus dem Landesverband Hessen

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Giuseppe Cardellini (1920–1945)

Götz Hartmann, Volksbund Hessen

Wie bei einem Massengrab sowjetischer Kriegsgefangener nicht anders zu erwarten, sind auf der Bronzeplatte, die seine Lage anzeigt, fast ausschließlich russische oder russifizierte Namen aufgeführt. Unter den Toten des Jahres 1945 fällt jedoch ein italienischer Name auf: Guiseppe Cardellini (auf der Tafel falsch: Gardellini), geboren am 22. März 1920.

Giuseppe Cardellini war kein Kriegsgefangener aus der Sowjetunion, sondern ein „Italienischer Militärinternierter“. Er stammte aus Sant'Angelo in Lizzola bei Pesaro in der Region Marken und verstarb am 9. Januar 1945 im Kriegsgefangenenlazarett in der Heil- und Pflegeanstalt Heppenheim. Anders als die sowjetischen Toten aus dem Lazarett ist er jedoch nicht im Massengrab bestattet. Dass sein Name auf der Bronzetafel erscheint, geht auf einen irrtümlichen Eintrag in der Kriegsgräberliste der Stadt Heppenheim von 1954 zurück. 

Tatsächlich befindet sich das Grab Giuseppe Cardellinis heute auf dem Friedhof der italienischen Kriegsopfer in Frankfurt am Main. Der „Cimitero di Guerra Italiano“ im Frankfurter Stadtteil Westhausen ist eine von fünf Ehrengräberstätten für italienische Tote des Zweiten Weltkriegs, die gemäß dem deutsch-italienischen Kriegsgräberabkommen von 1955 in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin angelegt wurden – außer in Frankfurt in Hamburg, Köln, München und Berlin-Zehlendorf. Giuseppe Cardellini wurde 1957 von Heppenheim nach Frankfurt-Westhausen umgebettet.

Italienische Militärinternierte (IMI)

Im Zweiten Weltkrieg waren das faschistisch regierte Königreich Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich zunächst Verbündete („Achse Berlin–Rom“, „Achsenmächte“). Nach der Absetzung des Diktators Benito Mussolini schloss die nachfolgende Regierung Italiens im September 1943 einen Waffenstillstand mit den Alliierten und verließ das Bündnis. 650.000 italienische Soldaten wurden daraufhin von der Wehrmacht in Norditalien, Frankreich, Griechenland, auf dem Balkan und an der Ostfront gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das Deutsche Reich erkannte sie nicht als Kriegsgefangene an, sondern wies ihnen den eigens geschaffenen Status der „Italienischen Militärinternierten“ (IMI) zu.

Damit waren die Gefangenen dem Schutz internationaler Rechtsvereinbarungen und der Betreuung durch das Rote Kreuz entzogen und wurden in Deutschland als Zwangsarbeiter eingesetzt, insbesondere in der Rüstungsindustrie. In institutionell ausgeübter Rachsucht des Regimes wurde sie oft besonders schlecht behandelt. Viele von ihnen kamen durch Hunger, Krankheit und Erschöpfung ums Leben.

Informationen über Giuseppe Cardellinis Weg durch die 15 Monate seiner Gefangenschaft in Deutschland sind nur bruchstückhaft zugänglich. Er wurde dem Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) XII D in Trier zugewiesen, doch waren die Nummer seines Arbeitskommandos und die Art seines Arbeitseinsatzes ebenso wenig zu ermitteln wie die Krankheit, an der er im Januar 1945 im Heppenheimer Lazarett verstarb.

Die Quellenlage

Giuseppe Cardellinis Fall ist ein Hinweis auf den letztlich unklaren Quellenwert der Namenliste, die den Angaben der Bronzetafel zugrunde gelegt wurde. Durch eine Vergleichsquelle ist belegt, dass er (wie auch weitere Italiener) 1949 in einem Einzelgrab auf dem Heppenheimer Ehrenfriedhof für ausländische Kriegstote bestattet war.

Eine andere Vergleichsquelle belegt, dass Giuseppe Cardellini tatsächlich in Heppenheim ausgebettet und in Frankfurt-Westhausen erneut beigesetzt wurde.

Die Umbettung fand im Frühjahr 1957 statt. Dies bedeutet – da die übrigen ausländischen Toten einschließlich der Toten im Massengrab bereits im Winter 1955/56 auf die Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach umgebettet worden waren –, dass die Heppenheimer Gräber der Italiener bis zu deren Exhumierung noch ein Jahr lang auf dem ehemaligen Ehrenfriedhof für Ausländer erhalten geblieben sein müssen. Für eine zwischenzeitliche provisorische Beisetzung der italienischen Toten auf der im Ausbau befindlichen Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach bieten die Quellen keinen Anhalt.

Die Erfassung Giuseppe Cardellinis im Verzeichnis der sowjetischen Toten des Massengrabes auf dem Ehrenfriedhof, die sich in der Kriegsgräberliste der Stadt Heppenheim von 1954 findet, erfolgte mithin, soweit schriftliche Quellen hierüber eine Aussage zulassen, irrtümlich. Worauf der Irrtum zurückging, ist unbekannt.

Die Ursprungsgrablage

Die sowjetischen Lazaretttoten des Massengrabes wurden nach Kriegsende 1945 auf Befehl der amerikanischen Militärregierung von ihrem vorherigen Begräbnisort auf den Heppenheimer Ehrenfriedhof für Ausländer umgebettet. Die Einzelgräber zumindest der Italiener befanden sich jedoch wahrscheinlich zuvor schon dort, wo sie die Quellen der Nachrkriegszeit lokalisieren. Kriegszeitliche Sterbefall- und Bestattungsnachweise des Kriegsgefangenenlazaretts Heppenheim legen diese Annahme nahe. Während die entsprechenden Dokumente für Giuseppe Cardellini fehlen, liegen sie für andere dort verstorbene italienische Militärinternierte vor.

Die Quellen aus dem Lazarett nennen als Begräbnisort der Militärinternierten den Friedhof der Stadt Heppenheim und spezifizieren diese Information unter der Rubrik „Genaue Grablage und Nr.“ durch die Angabe „Kgf. Gräber Grab Nr. …“.  Betrachtet man die Angaben zu Todestag, Bestattungsdatum und Grablage der italienischen Lazaretttoten, die wie Giuseppe Cardellini in den ersten beiden Januarwochen 1945 verstarben, mit den Grablagenangaben der Nachkriegsquellen zusammen (in der Übersicht rechts), ergibt sich folgendes Bild:

Kriegs- wie nachkriegszeitliche Quellen verwenden jeweils spezifische Nomenklaturen zur Unterscheidung der Grablagen, stimmen jedoch darin überein, dass die Grabnummern mit den Tagesdaten von Sterbefällen und Bestattungen aufsteigen. Die Grabnummern der am selben Tag bestatteten Toten folgen in beiden Nomenklaturen jeweils unmittelbar aufeinander. Das Bild tritt noch klarer hervor, wenn die Übersicht weitere vorausgegangene und nachfolgende Sterbe- und Bestattungsdaten von italienischen Toten des Lazaretts einbezieht. 

Die Beobachtung verweist darauf, dass die Bestattung der Toten nicht chaotisch an stets neu ausgewählten Stellen erfolgte, sondern in Reihen neben- oder hintereinander und in einer Weise, die auch nach dem Krieg noch eine Unterscheidung einzelner Grablagen erlaubte. Sie lässt ferner erkennen, dass Giuseppe Cardellini und die anderen italienischen Toten aus dem Lazarett bis zu ihrer Umbettung nach Frankfurt noch in ihren ursprünglichen Gräbern auf dem nunmehr als Ehrenfriedhof gestalteten ehemaligen Kriegsgefangenen-Begräbniplatz des Heppenheimer Friedhofs bestattet waren.