Süddeutschland im April 1945
Nachdem amerikanische und britische Truppen im März 1945 den Rhein überquert hatten, kamen sie gegen schwächer werdenden deutschen Widerstand rasch in Richtung Elbe voran. In Süddeutschland hingegen nahm der Widerstand gegen den alliierten Vormarsch in den Aprilwochen noch einmal an Intensität zu. Insbesondere der Norden der heutigen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern wurde zum Schauplatz schwerer und lang anhaltender Kämpfe. An Ausrüstung und Kampfkraft der US-Armee deutlich unterlegen, schickten die Befehlshaber von Wehrmacht und Waffen-SS dabei neben erfahrenen Truppen auch Ausbildungskompanien, Flugplatzbesatzungen, Mitarbeiter der Wehrmachtsverwaltung, Hitlerjungen und „Volkssturm“-Einheiten ins Gefecht.
Aus der Grundausbildung in den Tod
Josef Plach wurde am 8. Februar 1928 in Wihoren (Wihorschen)/Hlásná Lhota im Böhmerwald geboren. Seine Heimat, das mehrheitlich deutschsprachige „Sudetenland“, war nach dem Ende der Habsburgermonarchie Teil der 1918 gegründeten Tschechoslowakei geworden. Nach dem „Münchener Abkommen“ von 1938 wurde es dem nationalsozialistischen Deutschen Reich angegliedert.
Josef Plach wurde im Januar 1945 zur Wehrmacht eingezogen und erhielt beim Grenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillon 213 im sudetendeutschen Laun/Louny eine eilige Grundausbildung. In diese Zeit fiel sein 17. Geburtstag. Nach dem Ende der Grundausbildung wurde sein Truppenteil Anfang April 1945 in den Kampfraum an Jagst und Kocher in Nordwürttemberg verlegt, wo deutsche Truppen eine Verteidigungslinie gegen vorrückende Verbände der 7. US-Armee halten sollten.
Als seine Einheit am 10. oder 11. April 1945 – das Datum lässt sich nicht mehr zweifelsfrei ermitteln – bei Weißbach im Kochertal in ihr erstes Gefecht geriet, wurde Josef Plach getötet. Seine Leiche wurde von Soldaten des Graves Registration Service der US-Armee geborgen und ins über 100 Kilometer entfernte Bensheim transportiert. Im Ackergelände westlich des Stadtteils Auerbach hatten die Amerikaner kurz zuvor zwei zentrale Bestattungsplätze für eigene und gegnerische Tote aus dem Operationsgebiet der 7. US-Armee eingerichtet: die Keimzelle der heutigen Kriegsgräberstätte. Josef Plach wurde auf dem Gräberfeld der deutschen Soldaten begraben.
Der Bericht des Kameraden
Im Jahr 2007 besuchte ein ehemaliger Kamerad von Josef Plach dessen Grab in Bensheim. Unter dem Eindruck der dabei geweckten Erinnerungen gab er für den Volksbund in Hessen einen Bericht über die Apriltage 1945 zu Protokoll, als er, selbst ebenfalls erst 17 Jahre alt, Josef Plach kennen gelernt hatte und mit ihm zum Kampf gegen die Amerikaner kommandiert worden war:
„Am 20. Januar 1945 wurde ich zum Grenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillon 302 nach Budweis, Tschechoslowakei einberufen. Die Ausbildung erfolgte am Gewehr K 98, Panzerfaust und Handgranaten. So um den 5. April wurden wir per Eisenbahn nach Süddeutschland verlegt. Entladebahnhof war Malmsheim zwischen Stuttgart und Calw. Informationen über die Lage erhielten wir nicht.
In Nachtmärschen, die wegen der ständigen Tiefflieger so erfolgen mussten, erreichten wir am ‚Weißen Sonntag‘ (8. April 1945) Lauffen am Neckar in der Nähe von Heilbronn. Ich weiß dies deshalb noch so genau, weil wir von Leuten, die feierten, zum Kaffee eingeladen wurden.
Während dieser Marschzeit lernte ich auch den Josef Plach kennen, mit dem ich in einer Gruppe war. Er war so alt wie ich, jedoch eher ein ruhiger, ernster Junge.
Irgendwann am 10. April erreichten wir ein großes Kloster. Vermutlich des Kloster Schöntal an der Jagst. Dort waren sehr viele Soldaten versammelt. Es herrschte rege Vorbereitungstätigkeit auf ein bevorstehendes Gefecht. Reichlich Munition und eine kleine Verpflegung wurde ausgeteilt.
Nach einem etwas längeren Marsch in bergigem Gelände wurden wir an einem Waldrand in einen Verteidigungsauftrag eingewiesen. Stellungen waren nicht vorbereitet.
Wir hatten alle große Angst. Einige ältere Soldaten behielten aber die Ruhe.
Im Vorfeld war starker Motorenlärm von Kettenfahrzeugen zu vernehmen, und plötzlich wurde überall geschossen. Auf dem Feld vor uns schlugen Granaten ein, und der Lärm wurde unerträglich. Der starke Rauch nahm uns die Sicht und steckte in unseren Lungen. Bäume fielen um und Äste prasselten auf uns hernieder.
Jetzt schossen auch wir auf einen Feind, den wir nicht sahen, immer in den Rauch hinein. Solange wir schossen, hatte ich ein Gefühl der Stärke, und ich meine auch, dass der Feuerkampf mich etwas beruhigte.
Trotzdem hatte ich pure Angst.
Plötzlich spürte ich einen heftigen Schlag am linken Oberschenkel, und meine Filzhose war sofort vom Blut durchtränkt. Da ich direkt am Waldrand lag, konnte ich auch nicht weglaufen, was vermutlich auch überhaupt nicht ging.
Mein Bein war nicht mehr zu gebrauchen. Ich rief um Hilfe.
Josef Plach kam auf mich zu ‚gerobbt‘ und wollte mir helfen. Er nahm mich hoch und griff mir unter die Arme, in der Absicht, mich in den Wald hinein in Deckung zu ziehen.
Überall um uns herum prasselten Geschosse in den Wald und in die Erde vor uns.
Schlagartig sah mich Josef mit weit aufgerissenen Augen an, hauchte mit versagender Stimme „Lebe wohl“ und fiel vornüber auf den Waldboden.
So lagen wir einige Zeit nebeneinander.
Josef sagte nichts mehr und schaute mich mit aufgerissenen Augen an. Das Artillerie- und Gewehrfeuer nahm noch immer an Stärke zu.
Mein Bein schmerzte sehr stark und das warme Blut in meiner Feldhose steigerte meine Angst noch mehr.“
Der verwundete Kamerad wurde am nächsten Tag von den Amerikanern gefangen genommen, in einem Lazarett operiert und gepflegt und nach einem Monat nach Hause entlassen. Er verstarb im Jahr 2007 im Alter von 79 Jahren, wenige Wochen, nachdem er seine Erinnerungen zu Protokoll gegeben hatte.
„Jedes Jahr im April denke ich an Josef Plach, bete für ihn und zünde eine Kerze an. Nun bin ich sehr froh, dass die Grabstelle gefunden wurde und Josef so eine würdige Ruhestätte erhalten hat. Mögen unsere Enkel und Urenkel stets im Geschichtsunterricht über diese schwere Zeit informiert werden, damit so ein staatlicher Missbrauch von Menschen nicht wieder stattfinden kann.“
Aus dem Bericht des Kameraden, 2007