Im hinteren Teil der Kriegsgräberstätte befindet sich ein Massengrab. Hier sind sowjetische Kriegsgefangene bestattet, die in einem Lazarett in Heppenheim verstarben. Sie waren bereits in Heppenheim in einem Massengrab beigesetzt und wurden 1955/56 von dort umgebettet. Eine individuelle Identifizierung der Toten fand dabei nicht statt; die Anzahl der Bestatteten und ihre Namen sind lediglich durch eine Liste der 1950er Jahre überliefert. Auf der Grundlage dieser Liste ließ der Volksbund die Bronzetafel anfertigen, die die Lage des Massengrabes anzeigt und alle 385 Namen des Dokuments aufführt. Nach Sterbejahren gegliedert, sind die Namen der Toten auf der Tafel jeweils in alphabetischer Reihenfolge angeordnet.
Wie bei einem Grab sowjetischer Kriegsgefangener nicht anders zu erwarten, scheinen auf den ersten Blick nur männliche Namen auf der Bronzetafel zu lesen zu sein. Unter den Toten des Jahres 1942 fällt jedoch ein weiblicher Name auf – der einzige auf der Tafel überhaupt: Ljubow „Pochila“, geboren am 20. Dezember 1924. Ljubow Hryhoriwna Pochyla, so ihr vollständiger ukrainischer Name, war keine Kriegsgefangene, sondern eine Zwangsarbeiterin, die im Alter von 17 Jahren verstarb. In Heppenheim war sie gemeisam mit den Kriegsgefangenen bestattet und wurde zusammen mit diesen nach Bensheim umgebettet.
Bruchstückhafte Quellenlage
Aus den erhaltenen deutschen Quellen lassen sich nur wenige Informationen über das Leben Ljubow Pochylas und ihr Schicksal als Zwangsarbeiterin gewinnen. Bereits der Name ihres Heimatortes in der Sowjetunion wird in diesen Dokumenten lediglich in verschiedenen, stets jedoch gravierend falschen Schreibvarianten überliefert.
Erst ein Abgleich mit Unterlagen zu anderen Zwangsarbeiterinnen, von denen eine ebenfalls den Familiennamen „Pochyla“ (in den deutschen Quellen „Pochila“ geschrieben) trug und vermutlich eine Verwandte von Ljubow Pochyla war, aus den Beständen der Arolsen Archives sowie mit weiteren russischen und ukrainischen Datensammlungen führt zu einem Ergebnis: Ljubow Pochyla stammte aus dem Dorf Bespetschna (Безпечна) in der Ukraine, heute ein Teil der Stadtgemeinde Schaschkiw in der Oblast Tscherkassy. Die falschen Schreibweisen in den deutschen Quellen lassen sich letztlich auf die russische Variante Bespetschnoje (Беспечное) des ukrainischen Ortsnamens zurückführen.
Kindheit und Jugend in der Ukraine
Ljubow Pochylas frühe Kindheit in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre fiel in die Zeit, als sich nach den Wirren des Russischen Bürgerkriegs die sowjetische Herrschaft in der Ukraine konsolidierte. Einer Auskunft der Stadtverwaltung von Schaschkiw aus dem Jahr 2026 zufolge hatte sie zwei Brüder und drei Schwestern. In den Jahren 1932 und 1933 überlebte sie die Hungersnot in der Sowjetunion, von der die Ukraine besonders betroffen war („Holodomor“). Für diesen Zeitraum nennt das „Nationale Gedenkbuch der Opfer des Holodomor“ der Ukraine (Національна книга пам'яті жертв Голодомору 1932–1933 років в Україні) für Bespetschna die Zahl von 195 Verstorbenen; allerdings werden dort unter den namentlich bekannten Toten keine Personen mit dem Familiennamen Pochyla aufgeführt.
Zwangsarbeit und Tod in Deutschland
Als die Deutschen im Juli 1941 die Region um Bespetschna besetzten, war Ljubow Pochyla 16 Jahre alt. Ob sie vor oder nach ihrem 17. Geburtstag als Zwangsarbeiterin nach Deutschland gelangte und unter welchen Umständen dies geschah, ist unklar. Dasselbe gilt für die Art und den Ort ihres Arbeitseinsatzes im südhessischen Raum.
Zu einem unbekannten Datum im Jahr 1942 wurde durch die Staatsanwaltschaft Darmstadt ein Ermittlungsverfahren gegen Ljubow Pochyla eingeleitet. Was ihr zur Last gelegt wurde, ist nicht überliefert; gegen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, insbesondere wenn diese aus Polen oder der Sowjetunion stammten, wandten die Behörden des nationalsozialistischen Staates eine Vielzahl von Überwachungs-, Disziplinierungs- und Repressionsmaßnahmen an, oft bereits wegen geringfügigster „Vergehen“ wie Nahrungsdiebstählen aus Hunger oder Konflikten mit Arbeitgebern. Dass Ermittlungsakten mit dem Aktenzeichen „St. A. 4 Js. 1358/42“ existiert hatten, gab die Staatsanwaltschaft 1947 in einem Verzeichnis an, das sie auf Befehl der amerikanischen Militärregierung erstellte, notierte allerdings zu deren Verbleib: „Akten verbrannt.“ Dies kann bei einem Luftangriff geschehen sein oder bei einer gezielten Vernichtung amtlicher Unterlagen vor dem Einmarsch der US-Armee.
Am Vormittag des 4. September 1942 wurde Ljubow Pochyla an der Bahnstrecke Darmstadt-Heidelberg bei Heppenheim tot aufgefunden. Da sie von einem Zug erfasst worden war, ging die Ortspolizei von einem Freitod aus. Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wurde nach Ljubow Pochylas Tod eingestellt.