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Projekte aus dem Landesverband Hessen

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Nikolai Makarowitsch Wlasenko (1920–1942)

Götz Hartmann, Volksbund Hessen

Nikolai Makarowitsch Wlasenko war ein Soldat der sowjetischen Armee in deutscher Kriegsgefangenschaft. Er verstarb im Reservelazarett Heppenheim an den Folgen einer Lungentuberkulose. Seine Gebeine sind im Massengrab der sowjetischen Kriegsgefangenen im hinteren Teil der Kriegsgräberstätte bestattet. Auf der Bronzetafel, die die Lage des Grabes anzeigt, sind die Namen der Toten, nach Sterbejahren gegliedert, jeweils in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Nikolai Wlasenkos Name und sein Geburtsdatum sind unter den Toten des Jahres 1942 aufgeführt.

Kindheit und Jugend in der Ukraine

Nikolai Wlasenko wurde am 23. Mai 1920 – zur Zeit des Russischen Bürgerkriegs, der auf die Oktoberrevolution von 1917 folgte – im Dorf Ochramijewytschi bei Korjukiwka im Norden der Ukraine geboren. Er wuchs in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf. In den Jahren 1932 und 1933 überlebte er die Hungersnot in der Sowjetunion, von der die Ukraine besonders betroffen war („Holodomor“). Auch in Ochramijewytschi forderte die Hungersnot Todesopfer. Nikolai Wlasenkos für einen Erwachsenen geringe Körpergröße von 1,67 Metern, die bei seiner Registrierung als Kriegsgefangener gemessen wurde, ging möglicherweise auf zeitweilige schwere Unterernährung in seiner Kindheit zurück.

Nach dem Ende seiner Schulzeit arbeitete Nikolai Wlasenko als Schuhmacher. Dass er in diesem Beruf Kenntnisse hatte, scheint sich in der Kriegsgefangenschaft erst nach einiger Zeit herausgestellt zu haben, denn in seiner Gefangenen-Karteikarte (der „Personalkarte I“) wurde unter der Rubrik „Zivilberuf“ zunächst „Bauer“ eingetragen. Später wurde „Bauer“ durchgestrichen und darüber „Schuhmacher“ notiert. Als Wehrpflichtiger wurde er 1939 zur Roten Armee eingezogen und zum Telefonisten ausgebildet. Bis zur Gefangenschaft behielt er den niedrigsten Dienstgrad „Rotarmist“ (Krasnoarmejez).

Fronteinsatz 1941

Im Sommer 1941 befand sich Nikolai Wlasenko bei denjenigen Verbänden der Roten Armee, die als erste vom deutschen Angriff auf die Sowjetunion getroffen wurden. In den beiden Wochen nach Angriffsbeginn am 22. Juni 1941 drangen die Panzertruppen der deutschen Heeresgruppe Mitte rasch durch den sowjetisch besetzten Osten Polens vor und schlossen über 40 gegnerische Divisionen ein. Nach schweren Kämpfen in der Kesselschlacht von Białystok und Minsk gerieten Anfang Juli 1941 mehr als 320.000 Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Unter ihnen war Nikolai Wlasenko, der am 3. Juli 1941 in Minsk gefangen genommen wurde – unverwundet und gesund, wie seine Personalkarte überliefert.

Gefangenschaft und Tod in Deutschland

Zunächst in Fußmärschen, später mit Bahntransporten in Güter- und Viehwaggons gelangte Nikolai Wlasenko in den Wochen nach seiner Gefangennahme nach Deutschland. Am 30. Juli 1941 wurde er im Mannschafts-Stammlager (Stalag) VI C im niedersächsischen Bathorn als Kriegsgefangener registriert. Er erhielt eine Erkennungsmarke und wurde im Zweiglager Wietmarschen – usrprünglich ein „Emslandlager“ der Justizverwaltung – untergebracht. Im Oktober 1941 erfolgte seine Versetzung zum Stalag XII A in Limburg (Lahn).

Im Krieg gegen die Sowjetunion nahm die deutsche Führung den Tod von Millionen kriegsgefangenen Soldaten der Roten Armee durch Hunger, Krankheit und kräftezehrende Zwangsarbeit vorsätzlich in Kauf. Diese Haltung entsprang der nationalsozialistischen Rassenideologie, in der die Völker Osteuropas als Menschen von geringerem Wert galten. Was Unterbringung, Ernährung, medizinische Versorgung und die Möglichkeiten persönlicher Hygiene betraf, herrschten in den „Russenlagern“ katastrophale, tödliche Bedingungen. Mehr als drei Millionen Rotarmisten wurden wie Nikolai Wlasenko allein im Jahr 1941 von der Wehrmacht gefangen genommen; bis zum Frühjahr 1942 kamen zwei Millionen von ihnen in der Gefangenschaft ums Leben.

Auch Nikolai Wlasenko überlebte seine Gefangennahme im Sommer 1941 nur wenig länger als ein Jahr. Die Personalkarte verzeichnet für den Februar 1942 seine Verlegung, nunmehr als „krank“, in das Lager „Johannisbannberg“ (Ban Saint Jean) im besetzten Lothringen, zuvor ein Kasernengelände der französischen Armee. Im Mai 1942 erfolgte seine Versetzung von dort zu einem Kriegsgefangenen-Arbeitskommando in Mannheimer Industriestadtteil Waldhof. Unter den Bedingungen der Kriegsgefangenschaft hatte Nikolai Wlasenkos Erkrankung, die Lungentuberkulose, nicht ausheilen können; bereits nach sieben Wochen wurde er aus dem Mannheimer Arbeitskommando in das Gefangenenlazarett eingewiesen, das die Wehrmacht in der beschlagnahmten Heil- und Pflegeanstalt Heppenheim eingerichtet hatte.

Auch in den deutschen Lazaretten wurden sowjetische Kriegsgefangene vorsätzlich mangelhaft untergebracht, versorgt und ernährt. Da sie zudem in der Regel in einem wesentlich schlechteren Allgemeinzustand eingewiesen wurden als erkrankte Gefangene aus anderen, insbesondere westlichen Nationen, lag ihre Sterblichkeit um ein Vielfaches höher als bei diesen. Nikolai Wlasenko verstarb zehn Tage nach seiner Einweisung ins Lazarett am 18. Juli 1942 im Alter von 22 Jahren. Als das Massengrab der sowjetischen Kriegsgefangen am heutigen Alten Friedhof in Heppenheim 1955/56 auf die Kriegsgräberstätte Bensheim-Auerbach verlegt wurde, fand keine individuelle Identifizierung der umgebetteten Toten statt. Dass sich Nikolai Wlasenkos Gebeine im Massengrab befinden, wird nur durch schriftliche Quellen überliefert.