Meldungen aus dem Landesverband Hessen

Ausflugsziel Kriegsgräberstätte?

Der Landesverband Hessen bietet Führungen im Kloster Arnsburg an

Die Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg im Sommer 2020. Foto: LV Hessen

In den 1950er/60er Jahren bettete der Volksbund zahlreiche verstreut bestattete Kriegstote auf Sammelfriedhöfe um. Für die neuen Kriegsgräberstätten wurden oft landschaftlich reizvolle Standorte gewählt. Prominentes Beispiel in Hessen: Kloster Arnsburg bei Lich. In der Ruine einer Zisterzienserabtei aus dem 12. Jahrhundert wurden 1959 die Kriegsgräber der Kreise Gießen, Alsfeld und Büdingen zusammengefasst.

"Plötzlich zwischen all den Gräbern"

Idyllisch gelegen in einem Waldtal der Wetter, ist die Klosterruine ein beliebtes Ausflugsziel. Der Deutsche Limes-Radweg und der Lutherweg in Hessen führen hier vorbei. Dass die historischen Mauern auch eine Gräberstätte für 453 Kriegstote bergen, wird von Wanderern und Radfahrern aber häufig erst entdeckt, wenn sie die Anlage besichtigen. So geht es vor einigen Wochen auch Gerhard Ruppert: „Kloster Arnsburg ist ein architektonisches Juwel“, sagt der begeisterte Fahrradfahrer aus Bruchköbel, der sich mit seinen Freunden regelmäßig zu längeren Touren trifft. „Dazu die Lage – das wollte ich mir einmal ansehen. Und dann stand ich plötzlich zwischen all den Gräbern, mit all den Namen.“

Informations- und Gedenktafeln auf der Kriegsgräberstätte

Etwas, was Gerhard Ruppert auf der Kriegsgräberstätte besonders auffällt, gibt es dort noch gar nicht lange: die Informations- und Gedenktafeln des Volksbunds. Im März 2019 hat sie der Landesverband Hessen eingeweiht, um seine Forschungsergebnisse zur Geschichte der Kriegsgräberstätte zu dokumentieren. Auf Stelen an einzelnen Gräbern werden außerdem sechzehn exemplarische Schicksale von Kriegstoten vorgestellt, die in der Klosterruine bestattet sind. „Was man hier lesen kann, ist persönlich sehr berührend“, sagt Gerhard Ruppert. „Hinter den Namen und Daten auf den Grabsteinen treten plötzlich individuelle Lebensgeschichten hervor.“

Nach seinem ersten Besuch im Kloster Arnsburg ruft Gerhard Ruppert beim Volksbund an und erzählt, was er sich vorgenommen hat: die Gemeinden in der Umgebung von Kloster Arnsburg anzuschreiben, damit sie in ihren Informationsangeboten für Touristen zukünftig mehr für den Besuch der Kriegsgräberstätte werben. Nicht lange danach klingelt bei ihm selbst das Telefon. Am Apparat ist ein Mitarbeiter in der hessischen Landesgeschäftsstelle, der anbietet, die Radfahrer aus Bruchköbel bei ihrer nächsten Tour zum Kloster Arnsburg über die Kriegsgräberstätte zu führen. Gerhard Ruppert freut sich, vereinbart einen Termin und macht sich zusammen mit drei Freunden am 24. Juni wieder auf den Weg.

Kein "klassischer" Soldatenfriedhof

In der einstündigen Führung lernen die Bruchköbeler Kloster Arnsburg als typische inländische Kriegsgräberstätte kennen: nicht als „klassischen“ Soldaten-, sondern als Sammelfriedhof für äußerst unterschiedliche Gruppen von Toten, die meistens im oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind: Gestapo- und KZ-Häftlinge, sowjetische Kriegsgefangene, Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS, Zwangsarbeitskräfte und „Displaced Persons“, deutsche Zivilisten, außerdem sieben Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Auch 13 Tote des Ersten Weltkriegs sind hier begraben. Beim Gang durch die Grabreihen mit ihrer frühsommerlich blühenden Bepflanzung stellt Dr. Götz Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landesverbands, den Besuchern fünf Kriegstote und ihre Schicksale näher vor: einen russischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs, der im Oktober 1918 in einem Dorf bei Büdingen verstarb, wahrscheinlich als Opfer der „Spanischen Grippe“; eine Zwangsarbeiterin und einen Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Mutter und Sohn, die kurz nach ihrer Befreiung am 2. April 1945 erschossen auf einer Straße in Bad Salzhausen aufgefunden wurden und heute gemeinsam in einem Grab beigesetzt sind; einen Soldaten der Waffen-SS, der am selben Tag, 15 Kilometer entfernt, in einem Gefecht mit US-Truppen getötet wurde; einen unbekannten Mann, der zusammen mit 86 weiteren Gefangenen des NS-Regimes am 26. März 1945 bei Hirzenhain von einem SS-Kommando ermordet wurde, und die Luxemburgerin Emilie Schmitz, eine von 76 Frauen aus derselben Gruppe von Gefangenen und die einzige unter allen Mordopfern von Hirzenhain, deren sterblichen Überresten ein Name zugeordnet werden konnte. Immer wieder kommen dabei auch die verschiedenen Arten von Quellen zur Sprache, die in der Forschungsarbeit des Landesverbands ausgewertet werden, um Einzelschicksale wie die fünf vorgestellten rekonstruieren zu können.

Nach der Führung ist noch Zeit für einen Gedankenaustausch. Die Bruchköbeler erzählen von Eltern und Großeltern, die NS-Zeit und Krieg noch erlebt haben. Beim Abschied ist sich Gerhard Ruppert sicher: „Die Kriegsgräberstätte muss im touristischen Informationsangebot der Region sichtbarer werden“ – und bekräftigt noch einmal seine Absicht, den Volksbund dabei zu unterstützen.

 

Planen Sie ebenfalls einen Ausflug zur Klosterruine Arnsburg und haben Interesse an einer Führung über die Kriegsgräberstätte? Bitte nehmen Sie Kontakt zu uns auf! Die maximale Gruppengröße richtet sich nach den aktuell gültigen Vorschriften zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Führungen sind kostenlos, aber wir freuen uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Spende fördern möchten.

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