Projekte aus dem Landesverband Hessen

Historische Forschung

Foto: LV Hessen

Kriegsgräberstätten im Wandel der Zeit

Die Formen des Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft haben sich in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg tiefgreifend gewandelt. Vor diesem Hintergrund hat der Volksbund in Hessen schon 1999 damit begonnen, die Geschichte der hessischen Kriegsgräberstätten in eigenständiger wissenschaftlicher Forschung aufzuarbeiten.

Den Impuls dazu gab die Einsicht, dass die hergebrachten Formen des Gefallenengedenkens dem besonderen Charakter der Kriegsgräberstätten in Deutschland nicht mehr entsprachen. Besonders augenfällig geworden war dies am jahrelangen Konflikt um die Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg bei Lich.

Damals zeigte sich, dass die inländischen Kriegsgräberstätten, angelegt zumeist in den 1950er/60er Jahren, Zeugnisse einer spezifischen historischen Ausgangslage sind. Die Bundesrepublik Deutschland gewährt im "Gräbergesetz" allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft dauerndes Ruherecht und Grabpflege aus öffentlichen Mitteln. Schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch schienen Pflege und Bestand der zahlreichen verstreuten Kriegsgräber in Deutschland vielerorts nicht mehr gesichert.

Sammelfriedhöfe für unterschiedliche Totengruppen

Um die Gräber dauerhaft zu erhalten und ihre Pflege zu gewährleisten, lag die Lösung nahe, sie auf Sammelfriedhöfen zusammenzufassen. Für die Umbettung der Toten und die Gestaltung der neuen Kriegsgräberstätten war der Volksbund verantwortlich.

Die Toten, die dort nun ihre letzte Ruhe fanden, gehörten unterschiedlichen Gruppen an: Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Gestapo- und KZ-Häftlinge, deutsche Zivilisten,"Displaced Persons" sowie nicht zuletzt viele Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Deutsche Gefallene aus Wehrmacht und Waffen-SS machten nur eine Totengruppe unter anderen aus. Typische Soldatenfriedhöfe waren die neuen Kriegsgräberstätten nicht.

Mit der Beisetzung von Opfern der NS-Herrschaft etwa neben Soldaten der Waffen-SS wurde eine Spannung geschaffen, die auf den Kriegsgräberstätten bis heute nachwirkt. Seinerzeit wurde sie häufig mit der Formel zu entschärfen versucht, im Tod seien alle Menschen gleich. Wo die Schuld oder zumindest die Mitverantwortung der einen am Schicksal der anderen jedoch nicht aufgearbeitet werden, klingt der Satz hohl. Die Versöhnung, die er behauptet, kann er nicht stiften.

Kriegsgräberstätten als Lernorte

Angelegt als Orte der Trauer und Mahnung, aber auch aus pragmatischen Erwägungen der Grabpflege heraus, drohten die inländischen Kriegsgräberstätten am Ende des 20. Jahrhunderts für nachwachsende Generationen unverständlich zu werden. Ihr wesentliches Merkmal, die Bestattung unterschiedlicher Totengruppen Seite an Seite, ist nicht mehr ohne Weiteres nachzuvollziehen. Je ferner die Zeit ihrer Anlage rückt, desto mehr bedürfen sie der Erklärung. Damit können sie zu Lernorten der historisch-politischen Bildung werden, die es zu entwickeln gilt.

Um sich dieser Aufgabe zu stellen, hat der Landesverband 1999 damit begonnen, ausgewählte hessische Kriegsgräberstätten systematisch zu erforschen und die Arbeitsergebnisse auf Informationstafeln zu dokumentieren. Die Informationstafeln werden, sofern denkmalrechtliche Belange dem nicht entgegenstehen, im Eingangsbereich der Friedhöfe und an einzelnen Gräbern aufgestelltDie Tafeln im Eingangsbereich geben Auskunft über Geschichte und Besonderheiten der jeweiligen Kriegsgräberstätte. In einem Lageplan sind die Gräber markiert, an denen sich weitere Informationstafeln befinden. 

Die Tafeln an den Gräbern erzählen die Schicksale der Menschen, die in ihnen bestattet sind. Ziel ist es, möglichst für jede der Gruppen von Toten, die auf einer Kriegsgräberstätte begraben sind, wenigstens ein exemplarisches Schicksal zu rekonstruieren. Die historische Forschung des Landesverbandes stellt damit eine wichtige Voraussetzung seiner friedenspädagogischen Bildungsangebote dar. In ihnen werden am Beispiel der Einzelschicksale auch zu komplexen historischen Themen persönliche Zugänge geschaffen.

Forschung an den Primärquellen

Die historische Forschung des Landesverbandes stützt sich auf Primärquellen. Auch wenn in der Ergebnisdokumentation auf den Informationstafeln aus Platzgründen keine Quellenbelege aufgeführt sind, liegen diese vor und können auf Nachfrage angegeben werden. Die Texte der Informationstafeln sollen den jeweils aktuellen Wissensstand wiedergeben; sie können ergänzt oder korrigiert werden, falls neue Erkenntnisse dies nötig machen.

Auf der Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg etwa erinnerten seit 1996 zwei Gedenktafeln an die dort bestatteten Opfer des Massenmords einer SS- und Polizeieinheit am 26. März 1945. Für die 87 Menschen, die an diesem Tag bei Hirzenhain im Vogelsberg erschossen wurden, gaben die Tafeln von 1996 ein Zahlenverhältnis von 81 Frauen und sechs Männern an. Von diesem Verhältnis war auch das Landgericht Gießen ausgegangen, als es 1951 den Befehlshaber an der Erschießungsgrube zu lebenslanger Haft verurteilte. Seither nannten fast alle Informationsquellen diese Zahlen.

Als der Landesverband die einschlägigen Quellen im Jahr 2017 in seiner Forschungsarbeit noch einmal auswertete, zeigte sich jedoch, dass tatsächlich 76 Frauen und elf Männer erschossen worden waren. Daher wurde der Text der Gedenktafeln von 1996 überarbeitet und ergänzt. Zwei neue Tafeln aus Glas ersetzen seit März 2019 die früheren, die zudem durch die Witterung schon stark gealtert waren.

Eine Informationstafel am Grab eines der ermordeten Männer greift das Thema des Zahlenverhältnisses ebenfalls auf. Sie nennt den Ursprung der falschen Zahlenangabe und schildert, wie sich diese in der historischen Überlieferung etablierte.

Quellenbestände

Quellenbestände, die im Forschungsprojekt regelmäßig konsultiert werden, finden sich zunächst in den Akten der Landes- wie der Bundesgeschäftsstelle des Volksbunds selbst, außerdem an den klassischen Orten historischer Forschung, den Archiven: in städtischen, Kreis- und Landesarchiven, beispielsweise den hessischen Staatsarchiven in Darmstadt, Wiesbaden und Marburg, oder im Bundesarchiv, etwa an dessen Standorten Berlin-Lichterfelde und Freiburg

Für die Forschung zu den Schicksalen der NS-Opfer und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unverzichtbar sind die Bestände der Arolsen Archives (früher: International Tracing Service, Bad Arolsen); weitere wichtige Quellen finden sich in den Archiven von Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Dokumentationszentren. Wertvolle Unterstützung leisten außerdem Archive in den Heimatländern der ausländischen Kriegstoten.

Quellenportale im Internet

Aus der Arbeit von Historikern heute nicht mehr wegzudenken sind Quellenportale und Datenbanken, über die Archivalien im Internet eingesehen werden können. Für die Forschung des Landesverbandes ist an erster Stelle das "Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (LAGIS)" zu nennen, das die hessischen Geburten-, Heirats- und Sterberegister, die für die Zeit der Weltkriege und der NS-Herrschaft relevant sind, online bereitstellt.

Ein anderes Beispiel sind die umfangreichen Archivbestände zu den Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs, die das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in seinem Digitalisierungsprojekt "Prisonniers de la Première guerre mondiale" 2014 im Internet zugänglich gemacht hat.

Quellenverluste

Für die individuellen Schicksale von deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs ist die Überlieferungslage uneinheitlich. Private Dokumente wie Feldpostbriefe oder Fotos blieben in Familien vielfach erhalten, sind der Forschung aber nicht ohne Weiteres zugänglich. Staatliche Aktenbestände dagegen wurden im Zweiten Weltkrieg in großem Umfang vernichtet.

So lässt sich zum Beispiel nicht mehr feststellen, ob Philipp Eis (unten: sein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main) im November 1918 in einem Gießener Lazarett an einer Verwundung oder einer Krankheit verstarb.

Die Heere der deutschen Einzelstaaten unterhielten im Ersten Weltkrieg noch eigenständige Archive. Philipp Eis' Krankenakten wurden von der preußischen Armee geführt und im Potsdamer Heeresarchiv aufbewahrt. Dort verbrannten sie 1945 bei einem Luftangriff.

Jakob Wittemann (unten: sein Grabstein auf dem Frankfurter Hauptfriedhof) dagegen war Soldat in einer bayerischen Einheit. Seine militärischen Personalunterlagen wurden im Bayerischen Kriegsarchiv in München archiviert, wo sie den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und heute noch ausgewertet werden können.

Deshalb lassen sich zu Jakob Wittemanns Schicksal detailliertere Angaben machen. Der Maler und Lackierer aus Ludwigshafen wurde 1918 an der Westfront verwundet. In einem Frankfurter Lazarett erkrankte er an der "Spanischen Grippe", an der er wenig später verstarb.

Kontakt

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(Zuletzt geändert: 02.07.2020)

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