Meldungen aus dem Landesverband Hessen

Kassels Oberbürgermeister eröffnet Riga-Ausstellung im Kasseler Rathaus

"Es muss sich einbrennen!" Ein Plädoyer für das Erinnern

Schülerinnen und Schüler des Friedrichsgymnasiums Kassel vor der Ausstellung Volksbund / Simone Schmid

Die Ausstellung RIGA DEPORTATIONEN TATORTE ERINNERUNGSKULTUR wurde am 29. Juni von Oberbürgermeister Christian Geselle eröffnet. Dabei waren Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft, des Volksbundes und Schülerinnen und Schüler des Friedrichsgymnasiums, die etwas Besonderes mitgebracht hatten.              

Die Stadt Kassel brodelt im documenta-Trubel. Der warme Abend lud nach eher draußen ein. Trotzdem kamen zur Ausstellungseröffnung ins Kasseler Rathaus rund drei Dutzend ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Sehr junge und auch ältere, in Uniform und Zivil, aus Politik und Kirche. „Ich bin unseren Stadtvätern und Stadtmüttern sehr dankbar“, so Oberbürgermeister Christian Geselle, dass unsere Stadt zu den Gründungsstädten des Riga-Komitees gehört. „Wir halten das Gedenken aus gutem Grund wach“, betonte Geselle. „Es muss sich einbrennen. Was geschehen ist, es darf sich nie, NIE wiederholen!“

Thomas Rey, seit vielen Jahren im Volksbund zuständig für das Riga-Komitee, führte in die Geschichte des Riga-Komitees und der Ausstellung ein. „Es gibt nichts Vergleichbares zu diesem Städtebündnis“, betonte er. Über 25.000 Menschen waren in 26 Transporten unter unsäglichen Bedingungen nach Riga deportiert worden.

Ausgrenzung, Verfolgung, Vernichtung

Die neue Wanderausstellung, die vom Auswärtigen Amt unterstützt wird, gibt einen Überblick über die Wege der Deportationen nach Riga, die in den Schritten „Ausgrenzung – Verfolgung – Vernichtung“ erfolgten. Schockierend anschaulich wird dies in Berichten aus verschiedenen Städten geschildert. Warum Riga? Auch darauf gibt die Ausstellung Antwort und zeigt die Tatorte: die Lager Jungfernhof, Salaspiels, Riga-Kaiserwald, das Ghetto Moskauer Vorstadt und die Wälder von Rumbula und Bikernieki, wo Zehntausende Menschen erschossen und verscharrt wurden. Abschließend stellt die Ausstellung die Gräber-und Gedenkstätte Bikernieki und Erinnerungsorte in einzelnen Riga-Städten vor.

 

Aus der Geschichte zu lernen, das hat sich die Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbund auf die Fahnen geschrieben. Maike Bartsch, Regionalbeauftragte des Volksbundes in Nordhessen, realisiert diesen Anspruch mit leidenschaftlichem Engagement. Das sog. „Ehrenmal“ in Kassel – Startpunkt eines Projekttags mit Schülerinnen und Schülern des Kasseler Friedrichsgymnasiums –, gedenkt den Gefallenen des Ersten Weltkrieges – und denen des Zweiten Weltkrieges. Wehrmachtssoldaten.

Kriegsopfer, die von jeder Täterschaft freigesprochen werden können

Sind sie alle Täter? Oder auch Opfer? Diese Diskussion birgt – nicht nur regelmäßig wieder in Kassel – einigen Zündstoff. Aber auch auf dem Schulhof des Friedrichsgymnasiums befindet sich eine weitere kleine Gedenkstätte. Maike Bartsch dazu: „Im Zentrum stehen wieder Soldaten – allesamt ehemalige Schüler des Gymnasiums – , wieder beider Weltkriege, und wieder diese aus der Zeit gefallenen Gedenksprüche… Spannend hier: Eine Zusatztafel ganz neuen Datums, die die eigentlichen Kriegsopfer benennt, die, die von jeder Täterschaft freigesprochen werden können. Jüdische Schüler, die vor dem NS-Regime fliehen mussten und konnten, und solche, die verfolgt und deportiert worden sind. Darunter: Karl-Heinz Wertheim, gestorben 1942 in Riga.“

Rene Mallm, Geschichtslehrer am Friedrichsgymnasium:  „Auf dem Denkmal an unserer Schule, das wir bei unserem Rundgang besucht und reflektiert haben, steht ein sehr ambivalenter Spruch,  der sich in deutscher Sprache auch am sogenannten Ehrenmal findet: ‚Mortui Viventes obligant‘- ‚Die Toten verpflichten die Lebenden‘. Über die doppelte Bedeutung dieses Spruches haben wir bei unserem Rundgang lange diskutiert. „Die Toten verpflichten die Lebenden. Vor 1945 und auch noch in den 1950er Jahren las man diesen Satz als beschwörende Formel eines sich erhebenden Krieges, forciert durch nationalsozialistischen Revanchismus und mit nationalistischer, kriegstreiberischer Rhetorik. Diese Lesart war bei der Errichtung dieses Denkmals ganz sicher beabsichtigt. Heute – und gerade heute – lesen wir diesen Satz anders, als eine bleibende Verpflichtung zum ‚Nie wieder!‘, als Aufforderung zum Frieden, zum Widerstand gegen Diktatur und zum Engagement für die Demokratie und die Menschenwürde.“

Wunsch nach Frieden: Schülerinnen und Schüler wollen erinnern

Verena Becker, Michael Yavthushenko, Sanam Rahimi, Vincent Becker und David Kellner von der Geschichtswerkstatt des Friedrichsgymnasiums haben sich damit auseinandergesetzt. Sie bemalten fünf Steine und erklärten dem Publikum, was sie mit der Symbolik der Zeichnungen sagen wollten. Der Himmel zeigt die Hoffnung, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Die Friedenstaube symbolisiert den Wunsch auf Frieden. Die Hände demonstrieren das Engagement junger Menschen für die Zukunft. Und der Davidstern am Firmament warnt, dass Antisemitismus noch immer aktuell und akut ist.

Diese Steine gehen auf die Reise – nach Riga. Dort wird die Delegation des Volkbundes  sie an der Gedenkstätte in Bikernieki auf der Stele ablegen, so wie jüdischen Toten seit Jahrtausenden gedacht wird. Ein kleines, aber vielleicht auch tröstlichen Zeichen: Ihr seid nicht vergessen. Wir hören eure Mahnung. Wir sind euch verpflichtet.

Die Ausstellung kann bis zum 11. August 2022 im Rathaus Kassel besichtigt werden. Die Begleitbroschüre zur Ausstellung können Sie gerne über die Regionalstelle Hessen Nord (hessen.nord@volksbund.de oder unter Tel. 0561-7009 103) anfordern.

Das Riga-Komitee ist ein erinnerungskulturelles Städtebündnis, das an die Deportation und Verschleppung ihrer jüdischen Nachbarn nach Riga erinnern will. Es wurde am 23. Mai 2000 von den Repräsentanten von 13 deutschen Großstädten, darunter Kassel, dem damaligen Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Karl-Wilhelm Lange, auf Einladung des Bundespräsidenten Johannes Rau gegründet.  

Text: Diane Tempel-Bornett

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