Meldungen aus dem Landesverband Hessen

"Wirklich nichts ist selbstverständlich. Gutes muss stets bewahrt, verteidigt und zur Not nochmals angestoßen und manchmal erneut erkämpft werden."

Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren auf der Kriegsgräberstätte Klein-Zimmern

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete mit der Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa. Zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft war von den Schülerinnen und Schülern der Goetheschule in Dieburg eine Gedenkveranstaltung auf der Kriegsgräberstätte in Klein-Zimmern geplant, mit der sie ihre inhaltliche Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte dieses Friedhofs und den Schicksalen der sowjetischen Kriegsgefangenen zunächst abschließen wollten.

Der Landesverband Hessen war als Partner angefragt und hatte der Schule zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Kriegsgräberstätte in Klein-Zimmern die Fortsetzung des Projekts „Wir schreiben Eure Namen“ und die neue Ausstellung des Volksbundes „Zeitenwende '45“ angeboten. Diese sollte erstmals in Hessen ab dem 1. April in den Räumlichkeiten der Goetheschule gezeigt werden. Die aufgrund der Corona-Pandemie veränderten Rahmenbedingungen verhinderten die Realisierung dieses Vorhabens in der verabredeten Form.

Alle Beteiligten waren sich aber sehr schnell darüber einig, dass es gerade in Zeiten des erstarkenden Nationalismus, des zunehmendem Rassismus und der erneuten Ausgrenzung von Menschen wichtig ist, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und deren furchtbaren Folgen wachzuhalten und zumindest durch eine kleine Ersatzveranstaltung zum 75 Jahrestag des Kriegsendes ein Zeichen zu setzen. Gemeinsam entwickelte man eine an die veränderten Rahmenbedingungen angepasste Form des Gedenkens, die es insbesondere der Schulgemeinschaft, aber auch der interessierten Öffentlichkeit ermöglichen sollte, zu einem späteren Zeitpunkt an der Gedenkstunde eines nunmehr kleinen Kreises von Menschen teilzuhaben. 

Das durch zwei Schüler der Goetheschule auf einer eigens hierfür erstellten Homepage aufgezeichnete Gedenken am 8. Mai 2020 hatte auch zum Ziel, die für diese Erinnerungsstätte zuständige Kommune an deren Verpflichtung zu erinnern, dass die über die Liste der Stiftung Sächsische Gedenkstätten inzwischen bekannten Namen von 379 Toten auf dem Friedhof kenntlich gemacht werden müssen.

Viola Krause, die Geschäftsführerin des Landesverbandes Hessen, stellte in ihrer Ansprache denn auch mit Bedauern fest, dass es nach einer zunächst positiven Reaktion zum Namensziegelprojekt des Volksbundes, eines Ortstermins sowie Zusendung des erbetenen Gestaltungsvorschlags keine Reaktion oder Gesprächsbereitschaft mehr für die weitere Realisierung des Projekts gab. Die Hoffnung, dass spätestens 75 Jahre nach Kriegsende die bereits 2017 von einer internationalen Jugendbegegnung des Volksbundes hergestellten und in den Folgejahren im Rahmen mehrerer Schulprojekte produzierten Namensziegel auf der Kriegsgräberstätte einen geeigneten Rahmen erhalten, hat sich leider nicht erfüllt. Nach wie vor sind die Toten dort für Besucherinnen und Besucher, ebenso für Angehörige, die diese Gräber aufsuchen wollen, unbekannte Kriegstote.

Stellvertretend für die Schülerinnen und Schüler der Goetheschule haben daher die Geschäftsführerin und Wiebke Bathe, die Bildungsreferentin des Landesverbandes, am 8. Mai insgesamt 75 der bekannten 379 Namen verlesen und zuvor 75 kleine Holzkreuze als symbolischen Ersatz für deren Einzelgräber in den Boden gesteckt. Gemeinsam mit den von der Schule gestifteten 75 Dauerkerzen verblieben diese nach der Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof, damit Besucherinnen und Besucher in den kommenden Tagen wissen, dass man dort am 8. Mai den in Kriegsgefangenschaft in Klein-Zimmern gestorbenen und verscharrten Menschen gedacht und an sie erinnert hat. Selbstverständlich wurden alle Opfer von Krieg und Gewalt(herrschaft) in das Gedenken eingeschlossen.

Hintergrundinformation:

Die Kriegsgräberstätte, auch als „russischer Soldatenfriedhof“ oder "Russenfriedhof" bekannt, liegt im hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg, in der ehemaligen Gemeinde Klein-Zimmern, die heute ein Stadtteil von Groß-Zimmern ist. Der Friedhof gehörte zum Lazarett Klein-Zimmern, das wiederum Teil des Reservelazaretts Dieburg war. Das Teillazarett war im St. Josephshaus untergebracht, einem Fürsorge- und Erziehungsheim für Jungen. Es wurde 1939 beschlagnahmt und von Kriegsbeginn an als Lazarett genutzt. Im Lazarett Klein-Zimmern waren Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationen untergebracht – insbesondere Italiener, Serben und „Russen“, also Soldaten der Roten Armee.

Auf der Kriegsgräberstätte sind ausschließlich sowjetische Gefangene bestattet. Die Behandlung der sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft war – entgegen internationalen Abkommen – unmenschlich. Viele von ihnen verstarben an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Von 379 sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf der Kriegsgräberstätte Klein-Zimmern bestattet wurden, sind über ihre mittlerweile zugänglichen Personalkarten die Namen bekannt. Die Gesamtzahl der Toten auf dem Gelände dürfte jedoch weit darüber liegen. Das Gelände, auf dem sich der Friedhof befindet, wurde 1941 von der damaligen Gemeinde zur Verfügung gestellt und ist abseits der Ortschaft inmitten von Äckern gelegen. Die verstorbenen sowjetischen Soldaten wurden ohne Särge und Namenskennzeichnung in Massengräbern bestattet – die einzelnen Gräber sind nicht mehr auszumachen. Lediglich einige symbolische Kreuze und ein Gedenkstein erinnern heute an die dort ruhenden Kriegsgefangenen.

Schon 1992 hat ein Schülerprojekt der Albert-Schweitzer-Schule Groß-Zimmern die Geschichte des Teillazaretts Klein-Zimmern aufgearbeitet. Damals konnten noch viele Zeitzeugen befragt werden. Weitere Erkenntnisse zum Lazarett versprechen Quellen zu liefern, die sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befinden und derzeit im Rahmen der historischen Forschungsarbeit des Landesverbandes ausgewertet werden. Das Projekt „Wir schreiben Eure Namen“ des Landesverbandes Hessen möchte den Zustand der Anonymität der sowjetischen Kriegstoten in Klein-Zimmern ändern und den Verstorbenen symbolisch ihre Namen, ihre Identität und damit auch ihre Würde zurückgeben. Das Projekt wurde zum ersten Mal 2017 im Rahmen einer Internationalen Jugendbegegnung des Volksbundes durchgeführt. Die Teilnehmer des Projekts fertigen Tonziegel mit den Namen und den Lebensdaten der Opfer an. Diese Tonziegel sollen im Anschluss, in Ermangelung einer genauen Grabkennzeichnung, auf der Kriegsgräberstätte angebracht werden.

Nähere Informationen zum Projekt „Wir schreiben Eure Namen“ erhalten Sie hier und über die Landesgeschäftsstelle.

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