Meldungen aus dem Landesverband Hessen

Antirussische Ressentiments sind die falsche Antwort auf den Krieg

Stellungnahme von Sabine Mannitz für den hessischen Landesvorstand

Antikriegsprotest russischer Diaspora in Krakau am 6. März 2022 Silar, CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine wird seit Ende Februar ein Krieg in Europa geführt, den hierzulande nur wenige für ein realistisches Szenario gehalten haben. Die Wucht und Rücksichtslosigkeit, mit der Wladimir Putin sich über die nationale Souveränität der Ukraine, über das Völkerrecht, rationale Abwägungen und – nicht zuletzt – den Wert des Lebens und friedlicher Koexistenz hinwegsetzt, machen fassungslos, traurig und wütend. Über unsere Bildschirme erreichen uns in diesen Tagen Eindrücke unermesslichen Leids: von der Zerstörung ukrainischer Städte und Infrastruktur, von hastiger Flucht mit dem Allernötigsten, von Familien, die zur Trennung gezwungen sind, und von Menschen, die sich zum Kämpfen in einem Krieg wiederfinden, den sie weder wollten noch verhindern konnten – und das gerade mal 1.500 km von Berlin entfernt. In Deutschland sind angesichts dieser verstörenden Entwicklungen die Anteilnahme, Hilfs- und Spendenbereitschaft groß.

 

Diskriminierung Unschuldiger

Putins Krieg hat aber auch andere Emotionen mobilisiert, die Anlass zur Sorge geben: Berichte von Anfeindungen, verbalen und tätlichen Angriffen auf Russlanddeutsche und russischsprachige Menschen sind deutlich gewachsen. Von einer „Diskriminierung von Unschuldigen“ spricht Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Pauschale Aggression richtete sich jüngst sogar gegen die Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Auf der Kriegsgräberstätte im hessischen Klein-Zimmern wurde Anfang März mutwillig ein Gedenkstein beschädigt, der an dort bestattete Kriegstote aus der Sowjetunion erinnert; es wurde der Versuch unternommen, das Wort „russische“ von der Steintafel abzuschlagen. Nun dokumentiert die für diese Kriegsgräberstätte 1962 geschaffene Tafel zur Erinnerung an „russische“ Kriegstote selbst einen problematischen Wahrnehmungsfehler: Auf dem Friedhof in Klein-Zimmern sind Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Sowjetunion bestattet, auch Ukrainer, die als Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit nach Hessen verschleppt wurden und hier an den Folgen verstarben. Selbst wenn es ausnahmslos Russen wären, bliebe die Beschädigung des Gedenksteins aber schockierend.

Erinnerung tut not

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs finden sich in Deutschland kaum noch sichtbare Spuren von Krieg und Gewaltherrschaft. Weil die Gräber von Kriegstoten nach internationalem Recht auf Dauer zu erhalten sind, stellen die Kriegsgräberstätten eine Ausnahme dar. Trotzdem gerieten sie vielfach, und aus durchaus unterschiedlichen Gründen, in Vergessenheit. In besonderer Weise gilt dies für Friedhöfe, auf denen Tote aus der ehemaligen Sowjetunion bestattet bzw. vielfach schlicht vergraben wurden. Schon zu Lebzeiten waren sie im nationalsozialistischen Deutschland schlechter gestellt als Kriegsgefangene aus anderen Ländern, und dies schlug sich in besonders hohen Todesraten nieder: etwa die Hälfte der 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen überlebte die menschenverachtende Behandlung nicht. Im Umgang mit den Toten setzte sich die nationalsozialistische Rasseideologie noch fort: „Im Tod sind alle gleich“? – Für Kriegstote aus der Sowjetunion galt das nicht. Eindrücklich sichtbar wird das am Ort des einstigen Stammlagers Ziegenhain. Es war im heutigen Bundesland Hessen das größte Kriegsgefangenenlager. Menschen aus zahlreichen Nationen wurden dort registriert, interniert, als Zwangsarbeiter eingesetzt, gequält und getötet; Menschen aus Polen, Frankreich, den Benelux-Ländern, Großbritannien, den USA und der UdSSR, Serbien, Italien. Zum Stammlager Ziegenhain gehörten zwei getrennte Bestattungsorte: ein Friedhof, auf dem die verstorbenen Gefangenen der westlichen alliierten Nationen und aus Polen bestattet wurden – heute der Gemeindefriedhof; und ein weiteres Gelände in einem benachbarten Waldstück, auf dem anonym und teils in Massengräbern Menschen aus der UdSSR und Serbien begraben wurden. Was als eine „ordentliche Bestattung“ gilt, wurde diesen Menschen verwehrt, weil sie zu Angehörigen einer „minderwertigen Rasse“ erklärt worden waren. Nach 1945 sollte die Erinnerung an die vorsätzliche Verletzung des Völkerrechts bei der Gefangenenbehandlung ausgelöscht werden: bei einer ersten Umgestaltung des Waldfriedhofs Ziegenhain wurden die sowjetischen und serbischen Einzel- und Massengräber 1960 eingeebnet, unter Rasen gelegt und für Jahrzehnte vergessen.

Gewalt entsteht im Denken

Es lassen sich viele Erkenntnisse aus dem Beispiel Ziegenhains gewinnen, die über den konkreten Ort hinausweisen. Zu den wichtigsten gehört der Wert, den Kriegsgräberstätten als historisch-politische Lernorte haben können. Die Aufarbeitung – soweit möglich – der genauen Umstände, unter denen Millionen Menschen im Rahmen von Kriegshandlungen und deren Folgen zu Tode gekommen sind, legt den Blick auf Ursachen der Entstehung von Inhumanität und Massengewalt frei; darauf, dass der Krieg nicht ein Naturgesetz ist, sondern politisches Handeln die militärischen und zivilen Opfer verursacht. Das friedenspädagogische Anliegen, Menschen in ihren Überzeugungen und ihrem Handeln für die Entstehungsbedingungen von Gewalt zu sensibilisieren, ist auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet. Es gilt daher auch, Gegenwartsbezüge herzustellen, heutige Menschenrechtsverletzungen zu thematisieren und vor allem aktuelle Feindbilder aufzulösen – einschließlich solcher, die Russland gelten.

Auf dem vor Ort als „Russischer Soldatenfriedhof“ bekannten Gelände im hessischen Klein-Zimmern sind über 400 sowjetische Kriegsgefangene begraben, die in einem benachbarten Lazarett an den Folgen von Krankheit, Zwangsarbeit und Unterversorgung zugrunde gingen. Wie viele Menschen genau bestattet wurden und wer sie waren, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Mit ihrem Leben verloren sie also auch Identität und Biographie. Durch Dokumente, die nach Kriegsende in die Sowjetunion gelangten, sind jedoch 380 Namen von sowjetischen Gefangenen bekannt, die im Lazarett von Klein-Zimmern verstarben. Eine Namenliste liegt auf Deutsch und Russisch vor. Sie wurde von der Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten erstellt und dem Volksbund in Hessen zur Verfügung überlassen. Auf der Internetseite des Landesverbands kann die Liste eingesehen werden. Im Bildungsprojekt „Wir schreiben eure Namen“ arbeitet der Landesverband außerdem gemeinsam mit Schulen aus der Region daran, diese Kriegsgräberstätte als außerschulischen Lernort zu entwickeln, an dem die Anonymität der Toten aufgehoben wird. Dies ist eine Notwendigkeit praktischer Friedensarbeit, nicht bloß im Blick zurück auf historische Gewalt, sondern auch bei der Deutung aktueller Konstellationen: viele Russinnen und Russen protestieren trotz hoher persönlicher Risiken gegen den Krieg, den ihre Regierung in der Ukraine führt. Sie verdienen Solidarität.

 

Die Autorin: Dr. Sabine Mannitz ist Vorstandsmitglied im Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und Mitglied des Vorstands im Landesverband Hessen.

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