Meldungen aus dem Landesverband Hessen

Neue Informationstafel in zwei Sprachen am »Russenfriedhof« Klein-Zimmern

Der Landesverband dokumentiert die Ergebnisse seiner historischen Forschung auf Deutsch und Russisch

Götz Hartmann, Volksbund Hessen

In einer Gedenkveranstaltung der Gemeinde Groß-Zimmern zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hat der Landesverband Hessen seine neue zweisprachige Informationstafel für die Kriegsgräberstätte Klein-Zimmern der Öffentlichkeit übergeben. Auf dem abseits gelegenen Friedhof im Landkreis Darmstadt-Dieburg sind mehr als 400 sowjetische Kriegsgefangene bestattet. Sie starben zwischen 1941 und 1945 in einem benachbarten Lazarett. Die in deutscher und russischer Sprache auf der Tafel dokumentierten Informationen sind Ergebnisse des Forschungsprojekts, mit dem der hessische Landesverband seit 1999 die Geschichte der Kriegsgräberstätten aufarbeitet.

 

Bislang keine Informationen vor Ort

Zugänglich ist der »Russische Soldatenfriedhof« nur über Feldwege. Zwei Schilder in Klein-Zimmern weisen allgemein in seine Richtung. An der Kriegsgräberstätte selbst gab es bislang keine Informationen zum Schicksal der hier begrabenen Toten. Warum und unter welchen Umständen gerade sowjetische Kriegsgefangene im Lazarett von Klein-Zimmern in so großer Zahl verstarben, war vor Ort nicht öffentlich dokumentiert. Zuletzt forderte ein »Runder Tisch« von Akteurinnen und Akteuren der örtlichen Gedenkkultur, an dem auch der Volksbund in Hessen beteiligt war, im August 2020 ein Ende dieses Zustands.

Aufnahme ins Forschungsprojekt des Landesverbands

Im Anschluss an das Rundtischgespräch schlug Volksbund-Landesgeschäftsführerin Viola Krause der für den Friedhof verantwortlichen Gemeinde Groß-Zimmern vor, die von allen Beteiligten gewünschte Informationstafel für die Kriegsgräberstätte im Rahmen des historischen Forschungsprojekts des Volksbunds in Hessen zu realisieren. Die Annahme des Vorschlags durch Bürgermeister Achim Grimm machte es nötig, die Arbeitsschwerpunkte im Forschungsprojekt kurzfristig neu zu gewichten. Mit Billigung des Landesvorstands wurde der Informationstafel Vorrang eingeräumt und für ihre Übergabe an die Öffentlichkeit der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 2021 angestrebt.

»Dass wir an diesem Tag eine Informationstafel übergeben können, die den derzeitigen Forschungsstand zum Friedhof abbildet, freut uns als Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sehr«, sagte Viola Krause in ihrer Ansprache während der Gedenkveranstaltung. »Der heutige Tag wird in Zukunft darüber hinaus für den Beginn der namentlichen Kennzeichnung auf diesem Friedhof stehen, mit der die individuelle Erinnerung an die in deutscher Kriegsgefangenschaft elendig zu Grunde gegangenen sowjetischen Soldaten möglich ist«, kündigte Viola Krause an.

»Unvorstellbares Ausmaß menschlichen Leids«

Der Krieg des nationalsozialistischen Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 begann, kostete 27 Millionen Sowjetbürger das Leben. Zu ihnen gehörten auch über drei Millionen sowjetische Soldaten, die in deutscher Kriegsgefangenschaft umkamen. Ihren Tod durch Hunger, Krankheit und Erschöpfung hatte die deutsche Seite bereits einkalkuliert. »Nie brachte ein Krieg mehr Zerstörung, mehr Tod, mehr Leid über die Menschen als dieser. Das Ausmaß des menschlichen Leids und der Zerstörung bleiben bis heute unvorstellbar«, sagte Iwan Chotulew, Generalkonsul der Russischen Föderation in Frankfurt am Main, in seiner Ansprache vor dem Eingang zur Kriegsgräberstätte. »Den Jahrestag des deutschen Überfalls nehmen wir zum Anlass, um der Toten zu gedenken. Wir verneigen uns vor den hier bestatteten Opfern stellvertretend für unzählige andere.«

Angehörige eines sowjetischen Gefangenen nahmen teil

Ein besonderer Gast der von rund 120 Personen besuchten Veranstaltung war Ludmilla Bagdonas, die mit ihren Söhnen aus Rheinland-Pfalz angereist war. Im sibirischen Krasnojarsk geboren und aufgewachsen, zog Ludmilla Bagdonas 1989 nach Deutschland. 2020 fand sie nach langer Suche heraus, dass ihr Großvater Nikita Larschin (1903–1944) einer der Toten ist, die auf der Kriegsgräberstätte Klein-Zimmern begraben sind. »Für mich war es ein richtiger Schock«, erzählte sie damals im Interview mit dem Landesverband. »Ich habe mich immer gefragt, wo sein Grab ist. Und ich habe 30 Jahre lang nur 120 Kilometer davon entfernt gelebt.« Für die Kriegsgräberstätte wünschte sie sich damals ein fundiertes Informationsangebot vor Ort, das auch von Angehörigen der Toten, die kein Deutsch verstehen, genutzt werden kann. »Wir sind sehr froh, dass wir diesen Wunsch mit der neuen Tafel auf Deutsch und Russisch jetzt erfüllen konnten«, sagte Landesgeschäftsführerin Viola Krause.

»Wir schreiben eure Namen«

Von den mehr als 400 Toten der Kriegsgräberstätte sind derzeit 380 Namen überliefert. Im Bildungsprojekt »Wir schreiben eure Namen« des Volksbunds in Hessen haben seit dem Jahr 2017 eine Internationale Jugendbegegnung sowie zahlreiche Schülerinnen und Schüler aus der Region rund 80 Namen zusammen mit den Lebensdaten der Verstorbenen in Tonziegel eingeprägt. Bei der Gedenkveranstaltung wurden die Ziegel durch die Akteure der am Projekt beteiligten Schulen vorgestellt und symbolisch auf der Kriegsgräberstätte niedergelegt; anschließend wurden die Namen der Toten vorgelesen.

»Ich freue mich sehr, dass an der heutigen Veranstaltung so viele junge Menschen teilnehmen«, sagte Generalkonsul Iwan Chotulew. »Mit Bildungsprojekten wie 'Wir schreiben eure Namen' stellen sie sich mutig der Geschichte und setzen sich mit ihr auseinander. Sie zeigen, dass die Toten nicht vergessen sind, denn sie erhalten ihre Namen zurück und dadurch etwas von ihrer Würde, die ihnen von den Nazis geraubt wurde.«

Kriegsgräberstätte künftig von Namensstelen umgeben

In Zukunft wird die Kriegsgräberstätte perspektivisch von mindestens 13 hölzernen Stelen umgeben sein, an denen für jeden der namentlich bekannten Toten ein Tonziegel angebracht sein wird. Diese sollen die außerhalb der Kriegsgräberstätte nun vorhandene Information mit dem Gräberfeld, auf dem keine Namenskennzeichnungen sichtbar sind, verbinden und – zumindest teilweise – die nicht vorhandene Einfassung des Gräberfeldes schließen. Zusammen mit der neuen Informationstafel wurde am 22. Juni auch die erste Holzstele der Öffentlichkeit übergeben. An ihr befestigte Ludmilla Bagdonas mit Hilfe ihrer Söhne als ersten von allen den Ziegel mit dem Namen ihres Großvaters.

Damit wurde nun die letzte Arbeitsphase des Gesamtprojekts »Wir schreiben eure Namen« eingeleitet. Fortan wird der 22. Juni 2021 nicht nur mit dem historisch relevanten Rückblick auf den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion verbunden sein, sondern auch mit der fortgesetzten Aufarbeitung rund um die Kriegsgräberstätte bei Klein-Zimmern. 

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